Anonym im Paradies

17. August 2016

Wenn Individualismus zum Massenphänomen wird

Ein Widerspruch an sich? – Keinesfalls. Ich fang einfach mal ganz von vorne an:
Irgendwann Anfang Juni 2016 machte ich mich mit meinem Fahrrad auf den Weg Richtung Santiago und allem, was mich davor und danach noch so erwarten wird. Ursprünglich hatte ich mich zum größten Teil mal der Wildcamperei verschrieben. Doch dieses Vorhaben musste ich bis auf die eine oder andere Ausnahme größtenteils aufgeben. Warum? – Da ich alleine unterwegs bin, es mitunter auch sehr genieße, bin und bleibe ich trotzdem ein geselliger Typ. – Und Gesellschaft, wie auch die anderen Vorzüglichkeiten des in unserer Gesellschaft vorherrschenden konsumorientierten Lebens (sprich, Supermärkte und Bars – um es mal auf das wirklich wichtige herunterzubrechen) finden sich nun mal meist in der Nähe von Städten bzw. Campingplätzen. Wenn man sich nicht ausschließlich von wilden Beeren ernähren möchte oder sich mit Bauern und deren Harke anlegen will, bleibt einem als Alternative zum abendlichen Schwertransport meist keine andere Wahl als auf einen Campingplatz auszuweichen. Außerdem bietet er einem ein schönes Ziel auf der Landkarte, wilde Campspots muss man oft erst entdecken.

Ein bisschen Gesellschaft findet man meist ebenfalls vor. Größtenteils zwar nicht genau die, nach der es einem gerade ist, aber man will ja auch nicht kleinlich sein. – So ist es quasi schon vorprogrammiert, dass sich in diesen Situationen ähnliche Gemüter automatisch zusammenfinden, die nicht selten in herzzerreißenden Kurzbekanntschaften enden aus denen früher oder später gute Freundschaften entstehen können. – Man sehnt sich, ob der sich selbst auferlegten Weiterreise eigentlich oft nur danach, mehr von diesen Bekanntschaften zu machen, sie auszubauen, gemeinsam Zeit zu verbringen. Das alles kombiniert mit guter Musik, guter Party, gutem Ambiente. Und hier kommen wir nun genau zu jenem Punkt, an dem das alles plötzlich möglich wird: Man geht auf ein Festival. Perfekt! – So dem Anschein nach.

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In Wirklichkeit passiert aber Folgendes: All die Menschen, die mit einem auf das Festival gehen, all diesen Menschen würde man, wenn man sie vereinzelt auf einem kleinen Campingplatz irgendwo in Galizien treffen würde, sicher ein oder zehn Bier ausgeben, mit ihnen gemeinsam zu Abend essen, lachen, feiern und sich am nächsten Morgen schweren Herzens verabschieden. – Auf einem Festival versackt all dies im Sumpf der Anonymität: Man ist einer unter vielen. Durch diese geballte Masse an gleichgesinnten Menschen wird das Besondere schneller unsichtbar, als man nach der ersten Partynacht die Augen öffnen kann. – Nun ist es bereits zu spät: Man wurde verschlungen von einem Monster, dem man wochenlang entgegengestrebt hat. Alles was dabei herauskommt, ist ein Haufen Brei, der nach nichts schmeckt. – Zumindest nach nichts besonderem.

Strandurlaub
Ich will hier keinesfalls den Teufel an die Wand malen, Festivals sind toll, jedoch möchte ich auf die immense Diskrepanz aufmerksam machen, die sich zwischen dem auftut, nach was man sich sehnt, bevor man auf ein Festival geht, und dem, was man mitnimmt, wenn man sich wieder von diesem verabschiedet. – Natürlich habe ich auf dem Rototom eine Menge Bekanntschaften gemacht, sogar ein paar richtig gute. Aber schlussendlich sehnte ich mich nur noch nach Ruhe und der Kraft weiter zu radeln, die ich während des Festivals so ziemlich komplett eingebüßt hatte.

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Würde man nur einen Bruchteil der Menschen auf dem Rototom an anderen Orten zu anderen Zeitpunkten treffen, wäre jenes, was man für sich daraus mitnehmen kann um vieles größer.

Ein Beispiel: Allein auf dem morgendlichen/mittäglichen Weg zur Dusche begegnet man mindestens 5 (wenn nicht mehr Menschen), die man unter anderen Umständen gerne besser kennen lernen würde. (Die eine Hälfte hat man eventuell sogar kennengelernt, nur erinnert man sich nicht mehr daran.) Hier verläuft sich alles sehr schnell wieder. Jeder geht seinem eigenen Trott nach. Das Besondere ist zum Alltag geworden (und das in weniger als einer Nacht). Teilweise (oder sogar größtenteils) grüßt man sich nicht einmal. Man ist Teil einer individualistischen Masse geworden und versinkt bis auf seine näheren Bekanntschaften in der Anonymität.

ein schattiges Plätzchen
Natürlich könnte man einfach auch ganz anders an dieses Phänomen herangehen, jeden anlabern, sich mit jedem zum abendlichen Konzert verabreden oder auf eine Runde Frisbee am Strand. – Dass dies ebenso wenig funktioniert, muss ich wohl nicht näher erläutern. – Das Festivalmonster kaut allenfalls etwas länger auf einem herum, bis schlussendlich genau der gleiche Brei herauskommt.

2 comments

  1. Comment by Münchner Kindel

    Münchner Kindel Reply 6. September 2016 at 21:43

    Massenphänomen Individualismus, hatte oft schon das gleiche Gefühl. Das Festivalmonster ist anziehend wie auch abstoßend geworden. Allerdings ist das Rottotom von den Festivals die ich kenne noch die schönste Hure. 🙂

  2. Comment by Jochen

    Jochen Reply 16. September 2016 at 21:01

    Ich liebe diese Bilder! SCHEEEEEE. Der Jochen da.

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