Der exzentrische Künstler

23. September 2016

Von Lorca nach Sopalmo

…den wirklichen Morgen begrüßte ich dann erst einmal mit einem Café con Leche (wie sich das gehört). Außerdem versuchte ich mich daran, die gröbsten Löcher in meiner Hose zu flicken, scheiterte und begnügte mich mit dem Loch am Hosenboden. (Langsam aber nur ganz langsam kann ich mich also wieder in der Öffentlichkeit blicken lassen.)

Autobahn
Heute ging es zurück an die Küste. Nicht das ich das Meer wirklich vermisst hätte. Aber nach der von Staub durchtränkten Landschaft rund um Lorca und dem penetranten Geruch der Geflügelfarmen, war ich wirklich froh, mal wieder ein bisschen frische Meeresluft atmen zu können. Das Streckenprofil versprach zudem eine recht rasche Abfahrt, befand sich die Wüste (oder wie auch immer man das hier nennen will) doch auf etwa 400 m Höhe über dem Meeresspiegel.

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Die Fahrt ging vorbei an leerstehenden Häusern, teilweise zum Verkauf stehend, teilweise noch nicht einmal in Ansätzen bezugsfertig oder wahlweise auch gerne beides. Für jeden Geschmack war etwas dabei.

Zu Verkaufen

Feld
Das Meer erreichte ich ganz knapp vor dem Cabo de Gata, welches mir inzwischen mehrmals ans Herz gelegt wurde. Dort, in der Nähe des malerischen Örtchens Mojacar, ein in seinen Grundzügen recht weiß gehaltenes Dorf auf einer Hügelkuppe im Inland, machte ich erst mal Halt. Am Strand war von dieser vermeintlichen pittoresken Schönheit allerdings nicht mehr viel zu sehen, man konnte sie sozusagen nur aus der Ferne ausmachen. Hier sprossen hingegen die Hotelburgen und Apartmentanlagen aus dem Boden und versperrten einem die Sicht auf die schönen Berge (wie gesagt, mit dem malerischen Örtchen Mojacar). Nun, ich war nicht wirklich gewillt einen extra Abstecher in Richtung Inland zu machen, hatte ich bis zum Campingplatz bei Sopalmo doch auch noch ein paar kleinere Hügel zu bewältigen.

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Mojácar
Spontan machte sich ein Luxus-Fahrradgeschäft am Wegesrand breit. Das war die Gelegenheit um kurz Halt zu machen und mir den so dringend benötigten Ersatzschlauch zu besorgen. Nach einer kurzen Unterhaltung mit dem neunmalklugen Verkäufer ließ ich mir einen leicht überteuerten Fahrradschlauch der Marke Michelin andrehen, der, so der Verkäufer, für fast alle Radtypen passt. Ich beäugte ihn skeptisch.

Da der Verkäufer nun begann meine Fertigkeiten, betreffend der Schlauchreparatur, in Frage zu stellen, mir zudem noch einen Pack Flicken andrehte und sich um Alfred immer mehr und mehr bonzige Fahrräder gesellten, hatten wir beide (Alfred und ich) die Nase bald voll und nicht wirklich viel Lust, hier noch länger zu verweilen. Ich packte den Schlauch und die Flicken ein, vermerkte ein 10 Euro-Minus auf meinen Tagesausgaben und suchte das Weite.

Umso schöner war die Ankunft auf dem Campingplatz. Zunächst war zwar niemand zu Hause aber die Klingel an der Tür funktionierte wider Erwarten sehr gut. – Nachdem ich sie gedrückt hatte, fuhr keine 30 Sekunden später der Platzwart vor (er war gerade kurz in der Stadt gewesen) und man konnte sich um die üblichen Angelegenheiten kümmern, die bei einer Ankunft eben so anstehen: Personalien aufnehmen, Bezahlen, Bier bestellen.

Der Campingplatz war zudem einer der schönsten, die ich je besucht hatte. Die Kunst lag allerdings im Detail. Das Hauptgebäude war rund, es gab eine kleine Terrasse auf der man sich kurz ausruhen konnte und alles fernab von den Touristenströmen gelegen, ein paar Kilometer die Berge hinauf, kurz vor dem Nationalpark Cabo de Gata.

Die Stellplätze lagen etwas höher als das Hauptgebäude. Auf sie führten kleine, gemütlich angelegte Pfade, vorbei an einem minimalistisch angelegten Teich, der auch für eine Ameisenfarm ganz gut getaugt hätte und den sanitären Anlagen, die hübsch mit ein paar frei aufgesetzten Mosaiken und einer aufgemalten Landkarte vom Nationalpark verziert waren. Zudem gab es einen Sonderpreis für Fahrradfahrer!

Sehr verwunderlich, dass dieser schöne Ort nun der erste Campingplatz der so genannten 3. Kategorie ist, den ich auf meiner Spanienreise quere. Normalerweise gibt es nur die 1. und die 2. Kategorie (wobei die erste scheinbar die beste sein soll, aber natürlich auch die teuerste). Die 3. sucht man meistens vergeblich. Gut, hier gab es ausnahmsweise mal keinen Swimmingpool. Aber wer braucht schon einen Swimmingpool? Außerdem gab es auf dem Campingplatz bei Lorca ja auch keinen (trotz zweiter Kategorie), zumindest keinen brauchbaren. – Er war aufgrund von Wartungsarbeiten für ganz 2016 geschlossen. Aber wer badet schon gerne neben der Autobahn? Eben.

Einen Restauranttipp gab’s obendrein noch! Wobei das einzige bzw. die einzigen 2 Restaurants in der Nähe eh in dem Ort ein paar Kilometer bergauf gelegen waren. Somit hätte ich auch ohne Tipp eine Fifty-Fifty-Chance gehabt, das richtige zu erwischen. Ich freute mich sehr auf das abendliche Menü, ernährte ich mich seit nun etwa 4 Tagen doch ausschließlich von Bocadillos und Sobrasada.

Das andere Restaurant (Schrägstrich Kneipe) durfte ich nach gehabtem Schnabulieren dann kurz vor der Heimfahrt auch noch kennenlernen. Jaime, der Campinplatzgehilfe (ein guter Filmtitel) lud mich dorthin am frühen Abend mit den Worten „Wir sehen uns dann später im Pueblo!“ ein. Es war Freitag, die Nacht war noch jung und da er sich in der ersten Kneipe (wo ich gegessen hatte) nicht blicken ließ, konnte er ja nur in der zweiten sein.

So war es dann auch. Zu ihm hatte sich noch Ivan, ein leicht exzentrischer Künstler aus Prag gesellt, der vom Glück beseelt mit einer Schachtel Bio-Eier (eines von einer Ente) am Tisch saß und ganz sicher der Meinung war, 2 Euro 50 wäre für so einen Packen Eier ein ganz besonders günstiger Preis. – In Deutschland würde man für ein solches Assemblement mindestens 8 Euro bezahlen.

Wie ich schnell herausfand, war es mehr oder weniger zwecklos mit Ivan über die deutschen Eierpreise zu diskutieren. Eigentlich war es zwecklos mit ihm überhaupt über irgendetwas zu diskutieren. Er hatte sein Meinung und derer war er sich sicher. Haben wohl exzentrische Künstler so an sich.

Ich hatte also meine Gesellschaft für den restlichen Abend gefunden. Zwar hatte ich ursprünglich mal vor, den Abend Abend sein zu lassen und möglichst bald Platz für die Nacht zu machen. Aber die Konstellation unterschiedlicher Charaktere, die sich da auftat, war zu verlockend. Während ich also immer noch mit Ivan über die Eierpreise in Europa diskutierte, vollführte Jaime einen Tanz ganz eigener Sorte, den so genannten „Paco-Dance“. Maria, die sich inzwischen ebenfalls am Tisch eingefunden hatte, begleitete diesen mit lautem „Gesang“ und recht korpulenter Hardcore-Musik aus ihrem Handy. – Ein weiteres einzigartiges Assemblement, dass sich da zu den Eiern gesellte.

Als die Bar nach diversen Versuchen ihrerseits nun wirklich drauf und dran war zu schließen, verabredete man sich im Vorzelt von Jaime auf dem Campingplatz für einen standesgemäßen Ausklang des Abends. Der Biervorrat im dortigen Kühlschrank versprach einiges und auch die doch etwas zwecksuchenden Diskussionen ließen nicht lange auf sich warten. Jaime schwankte zwischen Stuhl, Zelteingang und seinem Hund und bot uns damit ein mindestens ebenso denkwürdiges Schauspiel, wie zuvor schon in der Kneipe.

Ivan versuchte sich an schnellen Strichzeichnungen mittels Kohle an einem Portrait von mir, während ich in Denkerpose extra für dieses Unterfangen inne hielt. Als Ergebnis sah man oft nicht viel mehr als einen Haufen unkoordinierter Striche, von denen Ivan unerlässlich der Meinung war, nur er könne hier die nötige Struktur erkennen. Lustigerweise signierte Jaime Ivans „Gemälde“ beharrlich immer mit seiner eigenen Unterschrift, bevor dieser überhaupt den ersten Strich setzten konnte, was unseren Künstler ein wenig verärgerte und den Zeichenblock, der daraufhin in der Ecke landete, meist etwas zerknitterte. Zumeist war es jedoch nicht Ivan, sondern Jaime, der ihn irgendwohin pfefferte, weil Ivan nicht gerade respektvoll über Jaimes allzu perfektionistischen Zeichenstil urteilte. – Ivan ist mehr so der Expressionist müsst ihr wissen (und ein wirklich guter noch dazu).

Es gab noch ein paar mehr schöne Momente an diesem Abend, die in meiner Reisegeschichte bisher sicherlich noch ihresgleichen suchen: So meinte Beispielsweise Ivan (ich weiß gar nicht mehr, was ihn darauf brachte), es wäre wichtig, die genaue Definition eines Begriffs in so wenige Worte wie möglich zu packen. (Er erinnerte in diesem und auch in jedem anderen Zusammenhang sehr an den einen oder anderen Kunstlehrer, den jeder von uns schon mal hatte. Jener, der, koste es was es wolle, einfach nicht zufrieden zu stellen war, egal was man ihm darbot.)

So suchte er also nach der Definition von Leben. – Ich nahm mir sein Anliegen zu Herzen und definierte „Leben“ in so wenigen Worten wie möglich: „Sex“ gab ich ihm als Antwort. Eigentlich sagte ich „Reproduktion“. – Aber „Sex“ klingt hier einfach besser. Irgendwie war er damit aber nicht zufrieden. – Wie? Ich hatte mich doch gerade erst mit extrem wissenschaftlicher Lektüre auseinandergesetzt. Und die definiert Leben nun mal erst wirklich dann als Leben, als diverse Aminosäuren fröhlich damit anfingen, sich zu reproduzieren.

Na ja, warten wir mal seine Antwort ab: „Leben ist, sich bewusst in Raum und Zeit zu befinden.“ …okay. Schöne Antwort. Aber was ist mit der gemeinen Stubenfliege, oder dem Schleimpilz? (Nur mal so als Beispiel.) Das Leben möchte ich diesen beiden „Lebewesen“ ungern streitig machen, jedoch bezweifle ich, dass sich ein Schleimpilz jemals mit Einstein’s Relativitätstheorie auseinandergesetzt hat. – Aber wie schon gesagt, Ivans Meinung war in gewisser Weise unumstößlich. Später ging es dann noch um die Definition von Kunst. Aber das lassen wir hier lieber…

1 comment

  1. Comment by Stan

    Stan Reply 27. Dezember 2016 at 19:55

    Klasse Bericht.

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