Das Ende der Welt

31. Juli 2016

Tag 35 – Von Santiago de Compostela zum Kap Finisterre

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie früh sich so mancher Pilger aus den Federn bequemt. Ob nun Ex-Pilger oder nicht, die Nachbarn veranstalteten zusammen mit den bizarrsten Vögeln gegen 6 Uhr morgens einen mords Radau und waren, als ich gegen 8 Uhr aus meinem Zelt rausschaute schon lange mit dem Mietwagen Richtung Schweiz verschwunden. Zumindest in den anderen Pilgerzelten ging es noch recht beschaulich zu. Sie genossen es sicherlich mal wieder so richtig auszuschlafen.

Wie ich so nebenbei mitbekommen hab, findet auf dem Camino ein wahres Wettrennen statt. Wer nicht früh genug aufsteht, geht mitunter bei der Bettensuche in den Herbergen leer aus. Mit früh meine ich jetzt nicht etwa 6 Uhr. Nein, hier handelt es sich um ein ganz anderes Kaliber von Frühaufstehern, die teilweise schon gegen 4 Uhr 30 die Herbergen verlassen, nur um daraufhin mitzukriegen, das ihre Zimmergenossen bereits schon eine Stunde zuvor die Betten geräumt hatten. – So wird es also abermals nichts mit der günstigen Schlafgelegenheit am nächsten Ziel. Wenn ich mir überlege, dass in den Albergues bereits um 3 Uhr morgens das monotone Schnarchen der Zimmergenossen von allerlei Dusch- und Packgeräuschen abgelöst wird, bin ich mehr als froh, dass ich dank meines Zeltes auf die Campingplätze ausweichen kann, wo die ersten Kinder frühestens um 8 Uhr anfangen rumzuschreien.

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Heute war ich jedoch auch schon gegen halb 10 Uhr auf dem Weg in die Stadt, um mir meine Urkunde im Pilgerbüro abzuholen. An der Rezeption des Campingplatzes hatte ich mir abermals erklären lassen, wo dieses zu finden sei. Nur war es dort natürlich nicht. Hätte mich auch gewundert, denn genau dort hatte ich es gestern ja auch schon gesucht. Ich quatschte also noch ein paar Pilger an, trank einen Kaffee, fragte dort ein weiteres Mal nach, irgendwann sah ich Leute, die genau jenes in der Hand hielten, was ich gerade so verbissen suchte und arbeitete mich so Meter um Meter an das Pilgerbüro heran. Eigentlich waren alle Wegbeschreibungen, die ich während meiner Suche bekam, entweder unbrauchbar oder unverständlich (teils weil die Leute offenbar nicht wussten, wie man einen Weg beschreibt – teilweise, weil ich sie schlicht und einfach nicht verstand). Auf einer Treppe begrüße mich ein etwas rustikalerer Pilger, dem man ansah, dass er für den Camino sicherlich ein paar ordentliche Gründe mehr in der Tasche hat, als der übliche Jakobsweg-Tourist. Er kam aus Bilbao, ebenfalls über den Nordweg und erklärte mir in einem astreinen Englisch, wo ich das Pilgerbüro zu finden hatte. Hinzu fügte er noch die eine oder andere Bemerkung über den Kommerz, den man hier in Santiago aus dem Pilgerbusiness schlägt und rundete das alles noch mit einer kleinen Pointe ab. Ich bedankte mich und wünschte ihm noch einen „Buen Camino“, denn auch er würde über den Camino Francés die Heimreise antreten.

Die Compostela
Im Pilgerbüro, so sagte man mir, kann man schon mal bis zu 2 Stunden anstehen, ehe man seine Compostela in den Händen hält. Ich kam Gott sei Dank mit 5 Minuten davon. Zusätzlich lies ich mir noch eine persönliche Bescheinigung über die geleisteten Kilometer ausstellen. Von beiden Dokumenten verstand ich jedoch absolut kein Wort, bis auf meinen Namen (der aber auch recht unverständlich in Latein daherkam). Wen mir jemand was davon übersetzen kann, wäre ich dankbar.

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Die andere Compostela
Den Pilgergottesdienst in der Basilika habe ich mir ebenfalls erspart. Er findet immer um 12 Uhr Mittags statt, was meiner Ansicht nach eine recht ungeschickte Uhrzeit für Pilger ist, die sich einigermaßen ordentliche Etappen zu Herze nehmen und nicht unbedingt einen Tag länger in Santiago bleiben wollen (die Frühaufsteher um 3 Uhr 30 mal ausgenommen). Überhaupt entspricht das in etwa der Meinung meines Freundes aus Bilbao, der hier ja alles sehr unter dem touristisch-kommerziellen Aspekt betrachtet und damit sicher nicht ganz daneben liegt. So verlegt man ihm zu folge das Pilgerbüro alle paar Jahre an einen anderen Ort, nur damit sich jeder auf dem Weg dorthin gnadenlos verirrt und in einem Café noch eine Coke extra trinkt, bevor er ausgepowert am nächsten Tag doch dort ankommt. – Von gelben Pfeilen weit und breit keine Spur.

der höchste Punkt zwischen Santiago und Finisterre
kurz vor Finisterre
Der Weg nach Finisterre sollte sich gut in meinen Beinen bemerkbar machen. Ich brach in etwa gegen 12 Uhr dorthin auf und kam wie erwartet gegen 6 am Campingplatz an, wo ich schnell mein Zelt aufschlug, noch ein paar Vorräte für den Abend einkaufte und mich dann an die letzten 10 Kilometer Richtung Kap machte. Heute überkam mich ein anderes Gefühl wie jenes von gestern, als ich Santiago erreichte. Das Ende der Welt erwartete mich und ich wusste, ich würde es voll und ganz genießen, mir ein hübsches Plätzchen abseits der touristischen Massen suchen und der Sonne beim Untergehen zusehen, dazu einen guten Rioja, den ich im Supermarkt extra kalt stellen hab lassen und ein paar Pinchos.

Kap Finisterre
Am Kap traf ich genau jene touristische Massenansammlung an, wie ich sie schon herbei geahnt hatte. Jedoch fand ich auch recht schnell mein eigenes gemütliches Plätzchen, hoch auf den Felsen mit Blick über das ganze Treiben und gen Sonne, die in einer guten Stunde untergehen würde.

gemeinsames Bild mit Alferd am Kap Finisterre
Das gemeinsame Bild mit Alfred wollte ich mir dennoch nicht ersparen, auch wenn ich mir nicht so sicher war wie ich es im Allgemeinen (und vor allem Praktischen) anstellen sollte: Mein Stativ hatte ich in weiser Voraussicht natürlich am Campingplatz gelassen, also musst ich nun hoch oben auf den Felsen, irgendwo in der Botanik ein stabiles Plätzchen finden, wo ich die Kamera positionieren konnte. Nun waren zwar ein Haufen Pflanzen im Weg, aber zumindest konnte man das Kap und den Horizont ganz knapp erkennen. Das musste reichen. Damit Alfred auch mit aufs Bild kommen würde, musste ich ihn mitsamt der Hälfte seiner Taschen (die anderen hatte ich am Campingplatz gelassen hochheben). War gar nicht so einfach. Ich denke mein Gesichtsausdruck spricht für sich. Aber für diesen kleinen Kraftakt hatte ich gerade noch genug Energie übrig, ehe ich mich entspannt am Kliff niederlassen würde.

Kap Finisterre
Sonnenuntergang am Kap Finisterre
Es war ein eindrucksvoller Abend, der Sonnenuntergang war phänomenal und ich hatte meine Momente, wie man sie eben hat, wenn man ein Ziel dieser Größenordnung erreicht. Spontan entschloss ich mich, nachdem die Sonne untergegangen war, die Nacht an Ort und Stelle zu verbringen. Zwar hatte ich weder Schlafsack noch Isomatte dabei, aber jede Menge warme Klamotten und ein dünnes Handtuch, sowie Alfreds Packtasche, die mit dem abendlichen Müll gefüllt, ein vorzügliches Kissen im Kreuz abgab.

Kap Finisterre bei Nacht
Ich schaute noch ein wenig in die Sterne, von denen atemberaubend viele zu sehen waren, beobachtete ein paar andere Pilger wie sie am Fuße des Leuchtturms diese thailändischen Fluglampions in die Höhe steigen ließen und lauschte noch ein wenig zu meiner Musik, ehe ich dann doch irgendwie einschlief. Eigentlich war ich im Nachhinein der Meinung, diese Nacht kein Auge zugetan zu haben. Der Akku meiner Musikbox sprach allerdings andere Bände. Er war am nächsten Morgen komplett leer gesaugt und vom Fortschritt auf meiner Playlist lies sich ablesen, dass ich ein paar gute Stunden Musik inklusive des nervtötenden Akku-Leer-Signals einfach verpennt hatte, ehe ich anfing, mich leicht fröstelnd auf den Felsen herumzuwälzen und den nächsten Morgen herbeizusehnen.

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