Gipfelstürmer der Physik

5. Oktober 2016

Vom Refugio de Poqueira zum Pico del Veleta

Das Frühstück im Refugio de Poqueira war, wie es unter Wanderfreunden zu erwarten war, ebenso wie das Abendessen, recht ausgelassen. Zwar fehlte es etwas an frischem Brot, dafür hatte man die freie Auswahl zwischen Zwieback, nicht frischem Brot und allerlei anderen Cerealien, inklusive des nötigen Krimskrams zum beschmieren.

Ich kam mir in etwa so vor, wie damals anno 2012 im Mariott Hotel Frankfurt, wo man am Frühstücksbuffet schon allein eine halbe Stunde brauchte, um sich allemal einen groben Überblick zu verschaffen und eine weitere gute Stunde, um sich durch das ganze Sammelsurium an internationalen Frühstückseigenarten feinsäuberlich durchzuprobieren. Leider fehlte dafür meistens die Zeit, weil man wieder mal zu spät aufgestanden war. So auch heute im Refugio. Ich war aber inzwischen einigermaßen vertraut mit den spanischen Frühstücksgewohnheiten und hatte mir in der halben Stunde, die mir blieb, bis das Buffet abgeräumt wurde, eine gute Basis für die nächsten paar Stunden bergauf angefressen. (Kann man das nicht irgendwie schöner schreiben? – Vorschläge bitte in die Kommentare.)

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Pico del Veleta
Gegen 10 Uhr machte ich mich auf den Weg Richtung Gipfel, von wo aus mich eine schöne Abfahrt bis nach Granada erwarten würde. Gute 45 km einfach nur bergab. Meine Bremsen werden es mir danken, wie ich später noch bemerken werde.

Doch zunächst durfte ich mein Fahrrad erst mal wieder zurück, hinauf bis zur Abzweigung schieben, wo sich auch der vermutete Busparkplatz befand. Unterwegs begrüßte ich Gevatter Tod, dessen vermeintliche Silhouette, wie auch am gestrigen Abend, immer noch recht bedeutungsschwanger gen Pico del Veleta schaute. Nur war es am Vorabend eben eindrucksvoller. (So im Sonnenuntergang mit wolkenverhangenen Bergen im Hintergrund.) Ich lies ihn hinter mir. Solle er doch hinschauen, wo er wolle.

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Sierra Nevada
Zwar hatte ich mich in der Nacht trotz der mehr als mäßigen Bettruhe ein wenig an die nicht gerade üppigen Sauerstoffverhältnisse gewöhnt, doch ich musste noch immer alle paar hundert Meter eine kurze Pause einlegen.

Ich verschaffte mir Abhilfe aus diesem Trott, indem ich es wie im Fitnessstudio handhabte: Zu Beginn zählte ich etwa 25 Schritte und legte danach eine Pause von 12 tiefen Atemzügen ein. Irgendwann wurden aus den 25 Schritten 50 und noch etwas später vergaß ich das Zählen einfach.

Sierra Nevada
Da mir etwas öde war und sich die Strecke wie zu erwarten etwas in die Länge zog (Ich ging die Sache mit den Bergen nun wirklich „poco a poco“ an und sah auch keinerlei Grund mich zu beeilen. Bis zum Pass waren es gerade mal 16 km.), legte ich ein Hörbuch von Stephen Hawking ein: „Eine kurze Geschichte der Zeit“. – Ja, man bildet sich weiter auf so einer Reise.

Außerdem hatte ich während den letzten Wochen herausgefunden, dass sich ein bisschen theoretische Physik und die eine oder andere Stringtheorie hervorragend als Gute-Nacht-Geschichte eignen. Zwar hatte ich nicht vor während des Weges nun auch noch ein Nickerchen einzulegen, aber ich wollte Stephen Hawking endlich mal die Chance geben, seinen scharfsinnigen Theorien bis zum Ende folgenzu können, ohne dass mir dabei ständig die Augen zufallen.

Unterwegs kam ich dann alsbald selbst ins Grübeln und legte die Skizzen meiner ganz eigenen Theorien über ein endliches Universum ohne Grenzen mit Steinen auf dem Boden aus. Dem ganzen fehlte es natürlich eindeutig an der nötigen Mehrdimensionalität. – Ich kam mir in etwa so vor wie ein Höhlenmensch, der sich daran versucht mit ein paar hübschen Steinen in Braille-Schrift irgendeine philosophische Abhandlung Adornos auf dem Boden auszulegen und sie im Anschluss auch noch zu verstehen. – Ich verwarf also meine Skizzen wieder recht zügig, packte ein paar besonders hübsche Steine in meine Tasche und schritt weiter des Weges.

Ich schaffte es tatsächlich Stephen Hawking’s Worten bis zum Ende des Hörspiels zu folgen. Verstanden hab ich davon trotzdem sicherlich nur einen Bruchteil. Sogar den Glossar, den ebenfalls jemand aufgesprochen hatte, hörte ich mir aufmerksam an.

Zwar dauert das Hörspiel knappe 8 Stunden, von Granada war ich an dessen Ende jedoch immer noch recht weit entfernt. Und das lag weder an irgendwelchen relativistischen Theorien über Zeit und Raum, noch an den vielen Pausen, die ich unterwegs einlegte. Vielmehr hatte ich das Hörspiel in den letzten Wochen (zum Teil im Halbschlaf) quasi schon mehrmals fast zu Ende gehört. Jeden Abend eine halbe Stunde Stephen Hawking und du pennst ein wie ein Baby! Allerdings muss man sich am nächsten Morgen meist über den leeren Handyakku ärgern.

Bei der ständigen Suche nach dem Anfang jenes Abschnitts, den ich am Vorabend verschlafen hatte (Was gar nicht so einfach war, da man eh kaum was verstand, wie solle man sich da noch etwas merken?) fiel mir folgendes auf: Stephen Hawking’s Hörspiel ist dem Universum, das er beschreibt, im Grunde genommen gar nicht so unähnlich: Sein Modell des Universums ist endlich, allerdings ohne Grenzen. Wenn ich es richtig verstanden hab, kann man sich das Ganze in etwa so vorstellen, wie ein Abend unter Freunden in einer guten Bar: Irgendwann verkündet der Ober die letzte Runde (Der Abend ist endlich.), danach stellt man jedoch meist entrüstet fest, dass man sich, was die Drinks angeht, besser in seinen eigenen Grenzen bewegt hätte. Im Verlauf des ausgelassenen Abends hatte man diese irgendwann einfach ignoriert. (Also ohne Grenzen.)

Na ja, der Vergleich hinkt etwas. Ich kann mir aber vorstellen, dass man bei einer solchen Gelegenheit sicherlich gut über dieses Paradoxem diskutieren kann. Deshalb verzichte ich hier auf einen anderen Vergleich, überlasse ihn den Saufkumpels und komme zurück auf das, was ich eigentlich sagen wollte:

Sucht man in dem Hörbuch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ nach der richtigen Passage, jene zu deren Beginn, einem die Augen zugefallen sind und man statt Sternen allenfalls noch Schafe zählte, bemerkt man beim hin- und herzappen, dass es bezogen auf das allgemeine Verständnis (was ein Laienpublikum im Schnitt so an den Tag legt), keinen Unterschied macht, an welchem Punkt man während des Hörspiels von einer Stelle zur anderen springt. Der Kontext der sich ergibt, erscheint einem völlig übergangslos und in einem Fluss. Er ergibt zwar keinen Sinn, aber das tat er zuvor ja auch nicht.

Ich möchte das kurz mal an einem Beispiel demonstrieren: (Wobei die […]-Stellen, für das Hin- und Herzappen stehen.)

Ich zitiere: „Bei der inflationären Ausdehnung wäre zu erwarten, dass die Symmetrie zwischen den Kräften irgendwann gebrochen wird. […] Das fällt auch nicht so schwer ins Gewicht, denn es gibt keine Anti-Neutronen oder Anti-Protonen, die aus Anti-Quarks bestünden. […] Trotzdem würde der Stern die gleiche Gravitationskraft auf das Raumschiff ausüben […] und nur die Gravitationswirkung ihrer Masse würde draußen noch spürbar sein. […] So folgt aus den Singularitätstheoremen, dass der Anfang der Zeit von einem Punkt […] zur zerbrochenen Tasse in der Zukunft gelangt. […] Dies erinnert ein bisschen an den Versuch von der Polizei davon zu laufen.“ (Stephen Hawking: „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Crazy Zapping Mode. Mit Unterbrechungen.)

Man sieht also ganz deutlich: Stephen Hawking’s Hörbuch ist irgendwann zu Ende, man kann aber von einer Stelle zur anderen hin- und herspringen ohne das man an seine Grenzen stößt oder überdies irgendetwas von dem ganzen versteht. – Sollte ich jetzt unabsichtlich, jene Theorie in verständliche Worte gefasst haben, nach der die ganze Welt der Physik so verbissen sucht: Meine Adresse für die Einladung zur nächsten Nobelpreisverleihung findet sich in der Impressum. 😉

Sierra Nevada
Als ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte, war ich also gerade mal 5 km weit gekommen. Zum Verschnaufen legte ich etwas Reggae ein. Das bringt selbst den noch so vergrübelten Pseudo-Physiker auf andere Gedanken.

Dank dem netten Reggae-Sound verspürte ich neuen Groove in meinen Beinen und wagte es sogar ab und an mal auf mein Fahrrad zu steigen um Alfreds Fertigkeiten als Mountainbike zu testen. Wie es den Anschein hatte, funktionierte das sehr gut. Alfred ist wirklich ein Allround-Talent! Auch ich kam mehr und mehr mit der unförmigen Wegbeschaffenheit zurecht. Um ehrlich zu sein, fand ich sogar richtig gefallen daran. Irgendwann fing ich sogar an zu singen. – Mein Körper hatte sich scheinbar endlich mit dem Sauerstoff-Sparprogramm zurechtgefunden.

Refugio Vivac de la CalderaCaldera Sierra NevadaIch besichtigte die Schutzhütte bei der Caldera (Meine Zweitwahl vom Vorabend), wo irgendjemand scheinbar sein Blutzuckermessgerät vergessen hatte (Was die Leute so alles liegen lassen?), tauchte unter dem Mulhacén vorbei (Dem zweitgrößten Bergs Spaniens. – Der größte liegt gar nicht in Spanien, zumindest nicht direkt.) und zog es kurz in Erwägung, in einem kleinen Gletschersee ein Bad zu nehmen. Ich war richtig gut drauf.

Mulhacén

Mulhacén

Sierra Nevada

Alfred

Ich befand mich nun etwa auf guten 3000 Höhenmetern, was ganz klar einige Foto-Sessions mit sich zog. Alfred musste dementsprechend oft als Vordergrund für so einige atemberaubende Bergmotive herhalten.

Alfred auf der Sierra Nevada
Manchmal war es ihm zu blöd und er ist einfach umgefallen.

Alfred auf der Sierra Nevada
Manchmal ist er das besser nicht. Doch das wusste er.

Sierra Nevada
Auf knappen 3200 Höhenmetern fing es an zu schneien. Okay, zu graupeln. Oben auf dem Mulhacén lag nachdem sich die Schlechtwetterfront ein wenig verzogen hatte allerdings ganz deutlich Schnee. Zwar nicht viel, zum Skifahren hätte es nicht gereicht, aber es lag Schnee. Wer hätte gedacht, dass ich in Südspanien in diesen „Genuss“ komme, noch bevor in Deutschland die ersten Flocken fallen.

Sierra NevadaEs war bereits gegen 6 Uhr abends als ich den Pass beim Pico de Veleta (dem dritthöchsten Berg Spaniens) überquerte. Vor mir lag eine über alle Maßen lässige Abfahrt gen Granada (wenn auch eine recht lange). Doch auch wenn ich mich den ganzen Tag genau auf diesen Moment gefreut hatte… Als es dann endlich soweit war, war von der Lust nichts mehr zu spüren. Zudem tat sich vor mir eine weitere, kleine Schutzhütte auf, das Refugio de la Carigüela, mit 3205 Höhenmetern, der höchste Punkt, den ich mit Alfred bisher erreicht hatte.

Mir fiel die Flasche Rotwein ein, die ich seit einer knappen Woche mit mir herumfuhr. – Quer über die Alpujarras, vorbei an den Aussteiger-Hippies von Órgiva und nun bis auf 3205 Meter auf die Sierra Nevada. Ein Wunder, dass sie sich nicht schon von selbst entkorkt hatte. Die Entscheidung war klar. Das Wetter mies. Und die Abfahrt im Sonnenschein des nächsten Morgens umso verlockender. – Ich blieb die Nacht auf der Hütte.

Etwas Proviant hatte ich ebenfalls noch, wenn auch nur Süßkram. Aber aufgrund des lockeren Gemüts am heutigen Tag konnte ich selbst zur späten Stunde noch vom Frühstück zehren.

Ich kehrte also in die Hütte ein. In der Erwartung eines gemächlichen Abends. – Huch! Da hatte wohl jemand seine Klamotten vergessen?! Wo in der letzte Hütte noch ein Blutzucker-Messgerät lag, machten sich nun herrenlose Klamotten, ein paar Wanderschuhe sowie ein ganzer Rucksack breit. Aus Versehen konnte das hier niemand liegen gelassen haben. Man wird sehen…

FuchsFuchs
Ich stellte mein Fahrrad ab, zog meine Fahrradhose aus und ein zweites Paar Strümpfe drüber (die Temperaturen „kletterten“ so langsam in den Keller), begrüßte Willi oder Wilma, den Fuchs/üchsin (So genau konnte ich das nicht erkennen. – Entweder es war eine Füchsin oder ER hatte ganz eindeutig einen tuntigen Touch.) und machte vorsichtshalber schon mal die Flasche Wein auf, als Andreas herein kam. Der Besitzer der Wanderschuhe.

Andreas
Andreas kommt aus Dänemark, spricht 1 A Englisch und hatte sich kurz mal den Pico de Veleta angeschaut und zwecks Gewichtsersparnis die Hälfte seiner Habseligkeiten hier zurück gelassen. Wir kamen recht zügig ins Gespräch und ich half ihm mit meinen letzten Gasvorräten aus, sein Insant-Chili con Carne zumindest auf eine etwas angenehmere Esstemperatur über 10 Grad anzuwärmen.

Wir verabredeten uns für den Sonnenuntergang auf der Bergkuppe von nebenan und tauschten uns über die Wanderwege der Sierra Nevada aus, als urplötzlich noch ein anderer Wandersmann hereinkam, Francesco-Jabier aus der Nähe von Murcia. Das Trio war Komplett. Ich stellte zwar mal höflich die Frage in den Raum, warum sich in solchen geselligen Hüttenrunden, bei derlei fröstelnden Temperaturen immer nur gleichgeschlechtliche Wanderfreunde treffen müssen? Dies wurde aber (gleich meiner Meinung) schlicht als Naturgesetz abgetan. Und da wären wir wieder, bei Stephen Hawking und seiner illustren Physik. Zum Einschlafen blieb mir Gott sei Dank noch ein weiteres seiner Hörbücher.

Sierra NevadaSierra NevadaSierra NevadaSierra Nevada

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