From Dusk Till Dawn

5. August 2016

Tag 40 – Von Astorga nach Sahagún

Wo ist die Hitze??? Hier ist es schweinekalt! Ich stelle mein Zelt immer schon extra an den Plätzen auf, wo morgens die Sonne als erstes hin scheint und trotzdem kuschele ich mich um kurz nach 8 Uhr, wenn mein Wecker klingelt, lieber nochmal für ne knappe Stunde in den Schlafsack. – Keine Sonne, die einen morgens ungewollt aus dem Bett prügelt. Hier nicht. – Ich traue mich schon immer kaum rauszuschauen, bin ich doch noch etwas gezeichnet von Spaniens Norden mit seinem meist diesig-feuchten Morgenwetter. Doch hier scheint die Sonne – immerhin – nur steht sie halt noch nicht hoch genug am Himmel.

Nachdem ich mein Zelt zusammengepackt hatte, putzte ich Alfred’s Kette inklusive Zahnkränze noch recht schnell und verpasste ihm ein ordentliche Ölung. Ich war höllisch motiviert! – Am liebsten wäre ich heute einfach direkt bis nach Burgos durchgeradelt. Noch ein schneller Einkauf im Supermarkt für eine ordentliche Wegzehrung und der Etappenstart begann, wie sich das für einen gut motivierten Start gehört: mit einer ganz neuen Art von Schmerz im linken Knie. Jipeee! Das Land war zwar flach, aber die Wege auch steinig. Es herrschte purer Sonnenschein, aber die Luft war kalt und verwandelte sich zunehmend in einen Wind, der offensichtlich auf dem Weg nach Santiago war. – So dauerte es also gerade mal etwa 40 km und von meiner anfänglichen Motivation war nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, ich hatte jegliche Lust verloren.

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Das anfängliche Etappenziel, Carrion de los Condes wurde zurück auf Sahagún gesetzt. Irgendetwas schien mich heute einfach megamäßig aufzuhalten. – Vielleicht waren es auch die vielen Fotos, die ich unterwegs, von der sich endlich abwechselnden Landschaft machte.

Wasserrutsche
Was war das? Hatte ich das richtig gesehn? – Eine Wasserrutsche?! …nun ja, sowas in der Art. mit einem Schwimmreifen könnte man hier zwar wirklich vorzüglich wasserrutschen, aber nur mit Helm bzw. nach guter alter Jackass-Manier. Dass man unten ohne ernsthafte Verletzungen ankommt, wage ich zu bezweifeln. Ich habe selten einen solchen reißenden Strom gesehen haben. Das Wasser muss gute 60 Sachen drauf gehabt haben, vielleicht war es auch schneller. In Frankreich hätte man hier sicherlich ein Schild aufgestellt: „Baden Verboten“, darunter noch eins „Lebensgefahr“ und dann noch eins mit dem Datum der Erlassung des Gesetzes, das den Badespaß in landwirtschaftlichen Bewässerungskanälen verbietet.

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Vorratsspeicher
Während man in Asturien und Galizien eine ganz eigene Art von Architektur für Nahrungsspeicher vorsieht (man baut alles auf Stelzen, sozusagen unerreichbar für Mäuse und andere Nager), schaufelt man in Kastilien-León seine Nahrung unter Tage. Überall tauchen am Wegesrand immer wieder kleine Eingänge gefolgt von aufgeschütteten Hügeln und ein paar Schornsteinen auf. Das hier jemand drin wohnt, kann ich mir kaum vorstellen, es sieht jedoch fast so aus wie im Auenland bei den Hobbits.

Kunst am Camino
Ein bisschen nichts- oder vielsagende Kunst gab es nun auch endlich mal am Camino zu begutachten. Jemand hatte ein Buch geschrieben – über sprituelle und religöse Momente auf dem Camino, zudem noch irgendwas mit Liebe – es unter einen dicken Stein gelegt, eine Kiste mit Dias daneben gestellt und einen großen Spiegel über den Feldern aufgehängt, auf den eine Leiter hochführt. Kunst eben.

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Ich hatte mich zwar auf diesen Teil von Spanien gefreut, landschaftlich gefiel er mir auch wirklich gut, nur irgendwie werden die Leute, je trockener das Klima wird, immer unfreundlicher und eigenbrödlerischer (Oder ist mir das zuvor nur nicht aufgefallen?) Als ich jedenfalls auf den Campingplatz in Sahagún eingefahren bin, kam ich mir mehr und mehr vor, wie in der Autobahnkneipe von „From dusk till dawn“, es hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass meine etwas seltsamen Campingplatznachbarn statt ihrer Konzertgitarre einen menschlichen Unterleib ausgepackt hätten und der Barkeeper zu satanischer Schwermetallmusik Blut in Totenschädeln ausschenkt.

Okay, ich übertreibe sicherlich etwas, aber wohlgefühlt hab ich mich woanders schon mal mehr. Irgendwie finde ich absolut nichts an dieser innerspanischen Campingplatzkultur. Es ist seltsam. Es ist mehr als seltsam. Da sind mir sogar die vielen Holländer mit ihrem Zingo-Spiel in Südfrankreich lieber. Ich bin also nach getaner Wäscherei so schnell wie es ging ins Dorf geflüchtet, wo ich zwar ebenfalls eine recht raue Kultur vorfand, mit dieser aber zumindest nicht mehr meinen Zeltplatz teilen musste.

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