Die Ruhe vor dem Sturm

Tag 9 – Von Cognin-les-Gorges nach Charmes-sur-Rhône

In Anbetracht der momentanen Windverhältnisse prüfte ich in weiser Voraussicht die Bedingungen für den heutigen Tag bereits am Vorabend und musste leicht entmutigt feststellen, dass einem arbeitsreichen Morgen nun doch schon wieder die Natur so einiges entgegenzusetzen hatte. Der Gegenwind würde heute nicht nachlassen, und wenn dann nur am frühen Morgen. Spätestens zur Mittagszeit hätte er mir wieder so einige Argumente entgegenzusetzen, doch lieber gleich in Richtung Atlantik zu fahren, wenn ich denn nicht zur rechten Zeit in die Berge abbiegen würde.

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Wie ich später an diesem Tag noch erfahren sollte, wäre diese „kleine“ Variation in meiner Streckenplanung an sich gar keine so schlechte Idee gewesen. So hätte ich mich mit Jerome, einem guten Freund aus Südfrankreich, der mir an diesem Tag noch einen Surftrip zum Atlantik ans Herz legen wird, einfach direkt vor Ort treffen können. Aber lassen wir diese Gedankenspielereien, Ziel des heutigen Tages war ein kleiner Campingplatz bei Saint Remèze, der mir aus Erfahrung eine günstige Bleibe mit ordentlich Unterstandmöglichkeit für die nächsten Tage versprach. Und dies war dringend nötig, denn ein ordentliches Unwetter war im Anmarsch, währenddessen sich kein Radfahrer auf seinen zwei Rädern wähnen möchte.

Wie dem auch sei, der Morgen zog sich trotz einer gewissen Abstinenz jedweder Arbeit in die Länge, die Dusche war alles andere als kalt und auch das Frühstück hatte in etwa soviel Charme, wie es ansonsten nur die Atomkraftwerke am Rhône-Ufer an den Tag legen. Doch gegen etwa 11 Uhr ging es weiter. Immer Richtung Süden. Dazu noch kräftig motiviert, denn heute würde ich endlich jenen Teil Frankreichs erreichen, in dem ich mich am wohlsten fühle: Den Südwesten. Bleibt nur die Frage, warum ich mir in dieser Region nicht mal etwas mehr Zeit lasse, sondern immer in Windeseile hindurch radle. Dieses Mal in nicht mehr als 3 Tagen.

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Ein kleiner Höhepunkt entlang der doch recht eintönigen Via Rhôna war ein leerstehendes Güterbahnhof-Gebäude, das für einen Nachkriegs-Film mit Sicherheit eine gute Filmkulisse abgegeben hätte. Mit Entzücken stellte ich nach näherer Begutachtung fest, dass sich bereits erste alternative Nutzungsformen in diesem breit machten, wie etwa der eine oder andere Künstler, der dort seine Galerie eröffnet hatte.

Die Gegend kurz vor dem Abstecher in die Berge schien, ähnlich dem Gebäude, auch insgesamt recht verlassen zu sein. Zwar kreuzte ich mitunter das eine oder andere, teilweise auch größere Dorf, sah mich aber nicht imstande in dieser Einöde irgendetwas zu Essen oder Trinken aufzutreiben. Auch der mir sehr willkommene Obststand am Rande eines von Gilet-Jaune-Protesten gezeichneten Kreisverkehrs war eher auf Großabnehmer spezialisiert, als auf den energiebedürftigen Radfahrer, der, gedankt sei es dem grünen Gemüse in seiner Tomatenkiste, mit Sicherheit keinerlei Interesse daran hatte eine 5-Kilo-Kiste Pfirsiche zu erwerben. So blieb der dringend benötigte Energieschub kurz vor der Bergetappe leider aus und alles was dann noch übrig blieb, war die Motivation möglichst bald meinen Kopf in einen kühlen Brunnen zu stecken, der mich aus Erfahrung kurz vor dem Pass erwarten würde.

Unterwegs machte ich in etwa die gleichen Bilder, wie bereits 3 Jahre zuvor. Was wohl an der örtlichen Infrastruktur lag, die hier und da zu einer kurzen Pause einlud.

Am Vortag ging ich die heutige Etappe nochmal, wie so oft, auf dem GPS durch und hielt mich für besonders schlau, weil es mir gelang durch ein paar kleine Streckenänderungen, die meines Erachtens eher unnötigen Extra-Hügel auf dem Hochplateau zu umgehen. Hätte ich da mal lieber genauer auf die Untergrund-Beschaffenheit geschaut. Denn was bringt es einem schon, wenn man sein Rad ob mehrerer riesengroßer Steine auf der Ebene schieben muss, wenn man das Ganze mittels ein paar kleinerer Berg-und-Tal-Fahrten auf ungleich praktischerer, asphaltierter Straße umgehen hätte können. Nun ja, die Aussicht, so könnte man meinen, wäre es doch Wert gewesen. Aber eigentlich war sie das dann doch nicht.

Ein ganz besonderes Erlebnis, dass sich mir kurz vor dem Ziel in die Nase schlich, war der Duft von… So richtig konnte ich es erst gar nicht beschreiben. Braut hier jemand Bier? Und wenn das der Fall sein sollte, was ist das für ein verrückter Hopfen, der… irgendwie nach Honig… nein, eher… nach Lavendel riecht! Das war es! Die Lavendel-Ernte hatte begonnen und der Geruch, den ich vernahm, entstammte einer kleinen Destillerie, wo Lavendelblüten in einem riesigen Kessel erhitzt wurden. Ganz ehrlich, diesen Geruch könnte ich mir den ganzen Tag reinziehen! Leider drehte spontan der Wind und somit verschwand auch der betörende Geruch, noch ehe ich richtig verstanden hatte, um was es sich dabei im Einzelnen handelte.

In Saint Remèze, wie konnte es anders auch sein, war für die nächsten Tage ein größeres Straßenfest geplant. Die sogenannte „Fête Votive“. Welchen genauen Hintergrund das Ganze hatte, konnte ich mir selbst nach dem einen oder anderen Gespräch mit den Locals nicht recht erschließen. Neuwahlen? Ich beschloss schlussendlich, dass es mich eigentlich nicht besonders interessiere, sah aber mein Vorhaben, mich nun endlich für 2 Tage meiner Arbeit widmen zu können, in ernster Gefahr. Wäre da nicht das nahende Unwetter gewesen, denn auf einen Regentanz zu den Klängen eines 0815 DJ’s hatte selbst ich nicht besonders große Lust. Außerdem wartete da noch eine Zucchini sowie eine Gurke darauf, zu einem leckeren Abendessen verarbeitet zu werden. Der dazu gereichte Bio-Rosé, war entgegen meiner Erwartung zwar nicht so der Hit, schmeckte er doch irgendwie nach Joghurt. Dafür konnte ich meine Weinkenntnisse dahingehend erweitern, dass entgegen dem üblichen Glauben, ein Wein gewinnt mit zunehmendem Alter an Charakter, ein Rosé nach guten 2 Jahren Reifung doch eher in die Milchprodukt-Richtung abdriftete. Vielleicht sollte ich ihn mir also besser fürs Frühstück aufheben.

Gegen später bekam ich in meinem Unterschlupf noch Besuch von Guy und Antonin, die sich um den Campingplatz kümmerten und stolz ihre Errungenschaft des Abends präsentierten, ein Saugnapf-Gewehr, das sie auf dem Stadtfest beim Enten-Angeln gewonnen hatten. Es gab also noch einen kleinen Wettkampf, diverse Plastik-Enten wurden vom Tisch gefegt und auf den Gewinner wurde mit einem Glas (guten) Rosé aus familieneigener Herstellung angestoßen, ehe man sich ins Bett verabschiedete.

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