Die Stadt der Tapas und der Engel

15. Oktober 2016

Sevilla und Dos Hermanas

Das Timing hätte besser sein können, soviel stand fest. Ursprünglich wollte ich für zwei Nächte bleiben und ausgerechnet am Samstag, den ich für gemeinsame Aktivitäten veranschlagt hatte, musste Maria spontan zur Arbeit. Es stand eine Art seltsamer Karnevalsumzug an, der eigentlich genauso wenig mit Fasching zu tun hat, wie ein Wahlkampf mit einer Hochzeit, nur dass es eben bei beiden reichlich geschmückte Wägen gibt.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, aber die Mengen an billigem Plüschplastik, Lametta und bunten Lichterketten, die in fraglichen Farbkombinationen wohl jenes schmückten, was zu Urzeiten mal Kutschen gewesen waren, waren in ihrer Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen. So etwas hätte ich allemal in China oder einem unbekannten südpazifischen Inselstaat erwartet.

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Wie dem auch sei, die Wägen wollten also geschmückt werden und dafür veranstaltete man eine große Party. Keine Party ohne Getränke. Kein Party ohne Tapas. Und genau dafür musste Maria an diesem Samstag gute 12 Stunden lang Sorge walten lassen.

Ich schaute mir das ganze Geschehen kurz an, staunte, brachte Maria ihren Haustürschlüssel zurück und ging wieder. Wohin? Nach Sevilla!

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Sevilla
Weit war es nicht und da ich vorletztes Jahr so großzügig war und Sevilla einfach ausgelassen hatte, wollte ich das nun unter allen Umständen nachholen. Zusätzlich bahnte sich ein zutiefst ergreifendes Ereignis auf meinem Tachometer an und als ich die Innenstadt erreichte, war es dann auch fast soweit.

Der große Moment steht kurz bevor
Zwar wusste ich, dass dieser Moment anstehen würde und nur noch wenige Kilometer fehlten. (Eigentlich ist er nur von rein ideellem Wert. – In Wirklichkeit hat Alfred sicherlich noch ein paar hundert Kilometer mehr auf dem Buckel, nur hatte ich halt nicht immer einen Tacho parat um mitzuzählen.) Ich verpasste ihn trotzdem fast (den Moment).

Sevilla
In Sevilla sah ich mich, so scheint es, durch weitaus schwerwiegendere Angelegenheiten abgelenkt, als immer meinen Tachostand im Auge zu behalten. Allem voran die Suche nach einer brauchbaren Tapasbar, was in der offiziellen Geburtsstätte der Tapas, wirklich kein leichtes Unterfangen ist. Wie sagt man so schön: Viele Köche verderben den Brei. Genau! Vor allem dann, wenn sie meinen, ihn einer Unmenge von Touristen andrehen zu müssen. Na ja, die letzten Kilometer vor den Zehntausend (!) streifte ich also hungrig durch die Gassen von Sevilla und als ich endlich eine anständige Bar gefunden hatte, zeigte mein Tacho genau jene Zahlenkombination, wie sie unten auf dem Bild zu sehen ist. Puhh, Schwein gehabt! Fast hätte ich es verpasst.

10000 Kilometer!
Wesentlich schwieriger als die 10000 km runter zu radeln, war im Nachhinein, dieses Selfie für euch zu machen. Ich bin kein Freund von Selfies. Auch hatte ich nur eine 50 mm Linse dabei. Um also überhaupt etwas aufs Bild zu bekommen, musste ich meine Arme dermaßen verrenken, dass sich die Passanten des Eindrucks, hier einen Schimpansen vor sich zu haben, der die Flöhe unter seinen Achseln in gut einem Meter Entfernung sucht, wohl kaum erwehren konnten. Ich saß also für euch im Park und habe mich hübsch blamiert, während ich diese grinsenden Verrenkungen mit meiner Kamera machte. Ihr solltet es mir danken. Am liebsten hätte ich alles inklusive Tacho in die Tonne geschmissen und noch ein paar Tapas gegessen.

Sevilla
So sah er also aus, mein Tag in Sevilla. Man kann jetzt sagen, ich hätte da etwas verpasst oder ausgelassen. Aber keine Sorge, die Sehenswürdigkeiten schauen sich schon genügend andere Menschen für mich an. Das muss ich nicht auch noch machen. Granada hat mir da gereicht.

Mein Fundstück der Woche bestand aus etwas viel besserem! Aus einem Fußballstadion. Kein gewöhnliches Fußballstadion. Nein, ein halbes Fußballstadion, in dem zudem gerade noch ein Spiel anstand. Überall herrschte ein reges Treiben an potentiellem Publikum in grünen Trikots, viel Polizei und mindestens genauso vielen Popcorn-Verkäufern.

Fußball in Sevilla
In einem halben Stadion??? – Spanien, übertreibst du da nicht etwas?! Man muss doch nun wirklich nicht immer alles stehen und liegen lassen, auf „mañana“ verschieben oder zweckentfremden. So schön es doch auch manchmal ist, wie darf ich mir dieses Fußballspiel bitte vorstellen? Spielt man dann eben auch nur mit einer halben Mannschaft? Einem halb so großen Tor? Einem halben Ball? – Okay, das wird jetzt albern. Aber über das Mannschaftsproblem sollte man nochmal nachdenken. 5 ½ Spieler sind meiner Ansicht nach keine zufriedenstellende Zahl.

Nachtrag: 2 Jahre später, als ich abermals an dem Fußballstadium vorbeikam, war es übrigens zu dreivierteln fertiggestellt. Was natürlich nochmal ganz andere Fragen hinsichtlich der Manschafts-Konstellation aufwirft.

Supermoon
Auf meinem Weg zurück nach Dos Hermanas begegnete ich am Wegesrand außer einem wirklich großen Mond („Größer könne er wohl kaum werden!“, fluchte ich in Ermangelung eines guten Zoom-Objektivs in mich hinein.), vielen kleinen Menschengruppen, die es sich mit ihren Pavillons und Gas-Barbecues auf zahlreichen abgesteckten Claims gemütlich gemacht hatten und feuchtfröhlich den nächsten Tag herbei sehnten. Jenen Tag, an dem der große Nicht-Karnevals-Umzug hier vorbeikommen würde.

Er ist zwar recht hinkend, dennoch drängt sich hier nicht von ungefähr ein gewisser Vergleich zur Love-Parade auf. Oder verwechsle ich das mit den Übernachtungsgästen vor den Gravis-Stores wenn ein neues iPhone herauskommt? Wie dem auch sei. Mal schauen, was die Wagenbauer so treiben…

Es war nicht mehr viel los auf dem Innenhof. War er des Mittags noch von regem Treiben nur so überschwemmt, konnte man sein Fahrrad inzwischen ohne größere Probleme durch die Menschenmassen bewegen. Im Prinzip war also immer noch eine ganze Menge los, nur im Vergleich zum Mittag eben nicht. Ich schaffte es sogar ohne Probleme, mich an die Bar vorzuschieben. Und dieses Mal hatte ich ein Ass im Ärmel. Ignorante Kellner gehörten nun endlich der Vergangenheit an! Denn ich kannte die Bedienung, ich kannte… „Maria!“ ,rief ich laut. Die Freude war groß und ich durfte sogleich loswerden, nach was es mir dürstete und schmackte. Ich lies mich gemütlich am Tresen nieder und hatte nun endlich das Gefühl, nicht mehr als Fremdkörper an einer spanischen Bar behandelt zu werden.

der Beweis
Hier ist er im Übrigen: Der Grund warum man in Spanien so gerne zum Bier greift, wenn es um die Getränkewahl des Abends geht. 😉

Es dauerte nicht lange, dann hatte Maria Feierabend. Wir unterhielten uns bei einem Drink und einer Schokotorte noch ein wenig über die Irrsinnigkeit des morgigen Events. Ich schlug dezent vor, man könne ja mit Alfred den ganzen Leuten hinterher fahren und ihren Müll aufsammeln. Mal schauen, was das so in ihre Gesichter zaubern würde… Maria taten die vielen angeketteten Stiere aber bereits jetzt schon so leid, dass sie sich das lieber ersparen wollte.

armer Stier
Den Heimweg traten wir heute getrennt an. Fuhr ich gestern noch ihrem Auto mit dem Fahrrad hinterher, wusste ich heute, wo sie wohnte. Das war auch besser so. Es war zwar wirklich süß von ihr, immerzu mit dem Auto auf mich zu warten und recht langsam zu fahren, sodass ich ihr easy folgen konnte. Die Art und Weise, wie, und die Örtlichkeiten, wo sie das machte, hätten mich inklusive vieler anderer Autofahrer allerdings zur Weißglut getrieben.

Gemütlichkeit während der Siesta
Für mich würde es am nächsten Tag nun also heißen, nach Jerez zu fahren. Wie man sich denken kann, brachte mich die am Morgen herrschende Gemütlichkeit aber wieder ganz schnell von dieser Idee ab. Auch die Einladung von Maria’s Eltern zum Mittagessen zu bleiben und ihr Blick, in dem ganz deutlich geschrieben stand „Heute müsse sie nicht arbeiten.“, trugen ihren Teil dazu bei. Das wäre doch nun die Gelegenheit doch noch ein bisschen Zeit zusammen zu verbringen.

Ich blieb also, freute mich mit den Hunden und die Hunde freuten sich mit mir. Marias Mutter nähte ein bisschen an meiner Mütze herum, die inzwischen von wirklich großen Löchern durchzogen war und bis der Abend irgendwann näher kam, hielt ich im groben sogar zwei gute Mittagsschläfe.

Poesie am Abend
Die Nacht wartete dann mit einer Art Poetry-Slam in einer kleinen Musikbar bei Sevilla auf. Zwar war es weder ausschließlich Poesie, die vorgetragen wurde, noch hatte das ganze irgendeinen Wettbewerbscharakter. Es war ganz einfach ein bunter Abend von Gästen für Gäste und Maria hatte ein paar schöne Gedichte vorbereitet. Zu ihr gesellte sich noch Edu, der ebenfalls spontan ein (wirklich) kurzes Gedicht vortragen wollte. Ich engagierte mich währenddessen ungefragt als Fotograf für das ganze Spektakel.

Musik am Abend
Ich hatte wahrlich Spaß daran, endlich mal wieder einen kleinen Fotojob zu erledigen, auch wenn dabei nicht einmal ein Gratis-Bier für mich heraussprang. Darum ging es auch nicht. Ich wollte all den Leuten einfach nur eine Freude machen und ihnen eine schöne Erinnerung an den Abend schenken. Nicht ganz uneigennützig (natürlich) – für meinen Blog sollte ebenfalls etwas davon abfallen. Es war ein schöner Abend.

Aftershow-Party
Danke Maria de los Angeles für die wunderschöne Zeit und deine Gastfreundschaft. Ich komm dich bald wieder besuchen. Du trägst nicht umsonst den Namen der Engel.

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