Dünne Luft auf der Sierra Nevada

4. Oktober 2016

Von Órgiva zum Refugio de Poqueira

Am nächsten Morgen standen wir also alle „putzmunter“ gegen 8 Uhr auf (die Betonung liegt vor allem auf dem Wörtchen „gegen“). Der Einzige, der eigentlich ausschlafen konnte, weil er sich an diesem Tag nichts von jedweder Größenordnung vorgenommen hatte, Stefan, hatte es jedoch irgendwie fertig gebracht, schon vor allen anderen die Zeltplane zu öffnen und stand wider seiner Prinzipien, was gesunde Ernährung angeht, mit einem Bier an einen Strompfeiler gelehnt. „Er müsse ab und an mal wohl einen kleinen Kontrastpunkt setzen.“, so seine Worte.

Ich packte also recht zügig meine sieben Sachen zusammen und verabschiedete mich von der illustren Campingplatzgemeinde. Der Kaffee und das Frühstück blieben vorerst aus, hatte das Restaurant des Campingplatzes an diesem Morgen doch unverhoffter Weise geschlossen. (Ein kleines Hinweisschild wäre da sicherlich angebracht gewesen.)

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Da sich mit einem frühstückslosen Morgen vor einer Tagesetappe auf die Sierra Nevada natürlich nicht spaßen lässt, verlegte ich das Frühstück (das heißt, zumindest den Kaffee) in eine kleine Spelunke am Ortseingang von Órgiva. – Bei uns würden ähnliche Etablissements allenfalls als Bahnhofskneipe durchgehen. (Was natürlich zum Problem wird, wenn es gar keinen Bahnhof gibt.) Wie es der Zufall so wollte, traf ich dort natürlich den Wirt des Campingplatzrestaurants beim ersten Bier des Tages. – Wen wundert’s. An seinem freien Tag. – Ein Bocadillo zum Mitnehmen packte ich mir ebenfalls ein und shoppte mich noch ein wenig spärlich durch den örtlichen Supermarkt. So war ich, was die Wegzehrung anbelangt, zumindest auf mögliche Eventualitäten vorbereitet.

Nach einem weiteren, etwas nahrhafteren Frühstück im „Park“ und einer kurzen Unterhaltung mit (wer hätte es gedacht) Paco, nahm ich mich dann also mal der Berge an. Paco war recht verwundert über mein Vorhaben und es stellte sich ein weiteres mal heraus, dass man im Spanischen, um die Ausdrücklichkeit einer Sache zu betonen, diese Sache einfach gerne zweimal hintereinander erwähnt. So zum Beispiel auch in diesem Fall: „Wo geht es hin?“ „Auf die Sierra.“ „Das sind gut befahrbare Wege. Das müsstest du locker schaffen.“ „Danke, es geht aber noch ein Stück weiter.“ „Wie? Etwa auf die Sierra Sierra???“ „Ja genau.“ „Oh, da musst du eventuell mal ein Stück schieben.“

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Richtung Sierra Nevada
Alles klar. So ging es also auf die Sierra Sierra. Bergauf. Stück für Stück aber nonstop. Etwas mehr als 42 km Wegstrecke und gut 2300 Höhenmeter erwarteten mich, ehe ich die Abzweigung auf circa 2600 m über dem Meeresspiegel zur (glücklicherweise) bewirteten Hütte „El refugio de poqueira“ nehmen konnte, von wo es dann (zum leichten Verdruss am nächsten Tag) eben wieder ca. 300 m nach unten ging. Doch soweit sind wir noch nicht.

Eine schöne Eigenart einer solchen Bergfahrt ist (wer sich das Wörtchen auf der Zuge zergehen lässt, kommt selbst drauf), dass es wirklich die ganze Zeit bergauf geht. Für den strapazierten Fahrradfahrer bedeutet das glücklicherweise: Man gewöhnt sich dran.

Was man unter keinen Umständen versuchen sollte, ist, sich unnötig zu stressen. „Poco a poco.“ (Stück für Stück), wie es Alberto so schön sagte. (Oder ging es da um den weiblichen Besuch vom Vorabend, den ich noch gar nicht erwähnt hatte. Hab ich nicht? – Nun ja, lohnt sich auch nicht.)

Pampaneira
So ging es also gemächlich auf die Sierra Sierra. Trotzdem bergauf. Immer noch nonstop. Aber eben Stück für Stück. – Ich durchquerte die wirklich hübschen Orte (einer hatte dafür sogar ’ne Medaille gekriegt) Pampaneira, Bubión und Capileira. Kurz vor Bubión legte ich einen Cola-Stopp an einer Tanke ein und in Capileira erfrischte ich mich an einem kleinen Brünnelchen, der so genannten „Fuente fría“. – Bei dem Namen konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich schlürfte das frische Quellwasser nur so in mich hinein.

Immer wieder, so auch dort, begegneten mir Passanten (meistens mit dem Auto) und waren voller Ehrfurcht über mein Vorhaben, wünschten mir viel Glück und einer gab mir sogar eine Karotte mit auf den Weg. – Nein, das stimmt natürlich nicht. Also die Sache mit der Karotte.

Sierra Nevada
So ging es also immer noch bergauf. Immer noch auf die Sierra Sierra. Immer noch Stück für Stück. Nur allmählich verabschiedeten sich die hübsch geteerten Straßen und machten Platz für allerlei Schotterwege. Diese forderten natürlich etwas Geschwindigkeit und vor allem mehr Kraft ein. Den kleinen Omnibus, der mich auf meiner Bergfahrt des öfteren mal überholte, schienen diese Straßenverhältnisse wenig zu stören. Wo fährt der überhaupt hin? (Wie sich später herausstellte auf einen kleinen Parkplatz auf 2600 m Höhe, bis kurz vor die Poqueira-Hütte. Hätte ich das gewusst… – Nein Spaß. Schließlich muss man so eine „Alpenüberquerung“ verständlicherweise mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen. Sonst verliert sich der Sinn des Ganzen irgendwo zwischen dem Mittagessen auf der Hütte, ein paar hübschen Steinen und dem Ohrenpfeifen.)

Sierra Nevada
Man hatte hier und dort ein paar hübsche Nationalpark-Schilder aufgestellt, nur um dem ganzen Nationalpark-Thema nochmal den nötigen Nachdruck zu verleihen. Als ich denselben Schildern neben der Skipiste am übernächsten Tag begegnete, musste ich allerdings leicht schmunzeln.

Doch da war noch ein weiteres Schild, was mich ein klein wenig mehr irritierte. Es kündigte einen so genannten Kontrollpunkt an. Nanu? Hab ich da was versäumt? Die letzten Tage in Órgiva verbrachte ich zwar nicht gerade mit intensiven Nachforschungen über etwaige Modalitäten, die man über sich ergehen lassen muss, wenn man den Nationalpark besuchen will, aber ein paar mal hatte ich mein Vorhaben definitiv deutlich angekündigt. Und das nicht etwa nur beim Nachbarn Alberto. Sondern eben auch im Campingplatzbüro und einem Informationscenter in Granada. Irgendjemand hätte da sicherlich etwas von einem Kontrollpunkt erwähnt, wäre dieser wirklich von Relevanz gewesen. (Zum näheren Verständnis: Ich erinnerte mich im Bezug auf den Kontrollpunkte an einige Situationen in Neuseeland, wo man Nationalparks machmal eben nur mit der nötigen Eintrittskarte durchqueren darf. Klingt doof, ist aber so.)

Als ich ihn erreichte (den Kontrollpunkt) stand dort für wahr ein Parkranger mit heruntergelassener Schranke (nicht Hose) und unterhielt sich mit ein paar Spaziergängern. Ich fuhr also vor und fragte, ob ich durch könne? Er sagte „Ei freilich!“ (Nun ja, das hat er nicht gesagt. Aber das hätte er gesagt, wenn wir uns irgendwo in Bayern oder Österreich begegnet wären.) Als ich ihn dann kurz verdutzt anschaute, öffnete er die Schranke. Einfach so. Na das war ja einfach. – Wenn es die nächsten 600 Höhenmeter nur auch gewesen wären…

Sierra Nevada
Es muss so um die 2200 m in der Vertikalen gewesen sein, als mich urplötzlich mein Atem verließ. Ich machte nur kurz gemütlich ein Foto, fuhr weiter und da war er wieder… WEG! – Und nicht nur mein Atem war weg. Also genau genommen war er noch da (mein Atem), nur die Luft war nicht mehr dort, wo sie in ihren Grundbestandteilen eigentlich sein sollte: nämlich vor meinem Mund. – Den (meinen Mund) hatte sie ein paar hundert Meter zuvor wohl einfach von Dannen ziehen lassen ohne etwas zu vermelden. Was übrig blieb war das Äquivalent eines Bieres, was man mit zu viel Sprudel verdünnt.

Nein, auch die Kraft war plötzlich weg. Und zwar auf eine völlig neue Art und Weise. – Ich kenne das Gefühl allzu gut, wenn einem der Blutzuckerspiegel unter dem Hosenboden wegsinkt und man fast vom Fahrrad kippt weil man mal wieder zu wenig Wegzehrung eingepackt hat. Dieses Gefühl war anders. Die Energie war noch da, aber man musste sich gut doppelt so sehr anstrengen, um sie irgendwie sinnvoll umzusetzen. Was sollte das?

Ohne zu übertreiben, ich musste etwa alle 100 m einen kurzen Stopp einlegen und erst einmal tief verschnaufen. Das brachte meinen Zeitplan ganz schön durcheinander und plötzlich wurde aus der Idee, gemächlich den Berg hochzufahren, ein Rennen mit der Zeit. Um 8 Uhr bricht hier die Nacht herein und in diesem Stop-and-Go-Tempo bis dahin, die Hütte zu erreichen, würde ordentlich knapp werden. Notgedrungen verband ich die unfreiwilligen Pausen mit ein paar kleinen Foto-Stops, so konnte ich mich wenigstens mit etwas Nützlichem beschäftigen, anstatt nur faul herumzustehen und Luft zu schnappen.

Sierra Nevada
Sierra NevadaSierra Nevada
Sierra Nevada
Um Punkt 8 Uhr war ich an der Hütte. Pünktlich zum Abendessen. So pünktlich, ich konnte noch nicht einmal mein Gepäck abladen, schon stand die Suppe auf dem Tisch. Als Hauptgericht gab es Öl mit Nudeln und danach Öl mit Hähnchen und Öl mit grünen Bohnen. Als Nachtisch Früchte aus der Dose. – Hört sich jetzt alles wenig spektakulär an, war aber mehr als ausreichend und wer wollte, bekam sogar noch einen Nachschlag.

Voll wie ein Schluckspecht schob ich mich gemächlich in meine Koje, die ich mir mit einem anderen Wanderer teilte. Ich hatte es saumäßig gemütlich. Die Betten waren ausladend breit und man wusste gar nicht so richtig in welcher Richtung man sich nun ausbreiten sollte.

Dies ist so sicherlich nicht immer so der Fall: Die Schutzhütte „El Poqueira“ kann in Spitzenzeiten bis zu 80 Gäste beherbergen (so steht es im Informationsblatt) und unter dieser Auslastung verwandeln sich die schönen breiten Betten sicherlich sehr schnell in kleine, 7o cm breite Kuchenstücke. Nicht auszumalen, was da los ist, wenn nachts mal einer aufs Klo muss.

Ich schlief trotz größtem Komfort nicht gut. Mir tat alles weh, ich wusste gar nicht so richtig was genau und warum. Unter den Neuankömmlingen im Nachbarzimmer (die Zimmer waren zur Decke hin ohne Wände) war außerdem einer jener Sorte: „Wenn-ich-nicht-andauernd-meine-Lippen-bewege-rostet-mein-Gehrin-ein“.

Er war schon vor seiner Ankunft aus der Weite deutlich zu vernehmen gewesen und quasselte ständig irgendetwas von einer „Mochila“, einem Rucksack. Was es genau mit dem Rucksack auf sich hatte, kam dabei nicht so recht rüber. Zuerst dachte ich, er und seine Kumpels würden einer interessanten Unterhaltung frönen. In Wirklichkeit führte er aber einen Monolog. Den setzte er, wie schon gesagt, später auf dem Zimmer fort (und zwar am Telefon, mit irgendjemand, der sich auch nicht dafür interessierte). Die Nachtruhe von 22 Uhr bis 7 Uhr morgens hielt er zwar knapp ein, plapperte aber, wie ein Wecker, den man irrtümlich etwas zu früh gestellt hatte, um kurz nach halb 7 fröhlich weiter. Natürlich über seine Mochila.

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