Es geht doch!

21. Juli 2016

Tag 25 – Von Ondarroa nach Pobena

(Wer sieht das Reh?)

Heute wollte ich beim besten Willen mal ein bisschen Strecke machen. Nach einer letzten Inspektion von Alfred’s Freilauf stand einer zeitigen Abfahrt eigentlich nichts im mehr Wege. Mustafa lud mich noch zu einem ausgelassenen Frühstück ein. (Er übertrieb wirklich ein wenig, richtete er doch extra für mich einen kleinen Campingtisch mit allerlei Leckereien an: darunter ein riesiges Baguette, Marmelade, Butter, Käse, Kaffee, Obst…) Die Einladung zum zweiten Frühstück seitens der Franzosen musste ich deshalb leider ablehnen.

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Ondarroa
So ging es also mit einer kleinen Verspätung aber gut gestärkt los Richtung baskisches Inland. Ein paar hohe Berge galt es auf der Strecke zu bewältigen, diese belohnten einen aber wiederum mit ausladenden Abfahrten. Seit meiner kleinen Ruhepause in Saubrigues machte sich heute nun auch endlich mal wieder der Trainingseffekt bemerkbar, der kleine Umweg zum Monasterio de Zenarruzako schlug deswegen nicht wirklich zu Buche. Etwas Kultur kann ja nicht schaden. Außerdem konnte man dort sicherlich einen hübschen Stempel abgreifen.

Jakobsweg
Überhaupt beschlich mich so langsam die Idee, der Jakobsweg ist im übergeordneten Sinn eigentlich nichts anderes als eine große Schnitzeljagd. Man folgt auf der gesamten Strecke dicken gelben Pfeilen (die ab und an, zu Werbezwecken missbraucht, auch mal ein eine völlig andere Richtung zeigen), macht an gewissen Stationen (Herbergen, Klöstern…) kurz Halt und versieht dort seinen Pilgerausweis mit einem hübschen Stempel, als Beweis, dass man auch tatsächlich dort war. Dann geht es wieder weiter, den Pfeilen entlang.

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Natürlich ist der Jakobsweg keine Schnitzeljagd, eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich aber trotzdem nicht verleugnen. – Der Jakobsweg ist ein Weg voller Erfahrungen (wie so viele Reisen) nur mit dem kleinen, vielleicht auch großen Unterschied, dass es ebenso eine spirituelle Reise ist, auf die man sich begibt. Was genau das im einzelnen bedeutet, gilt es für mich an dieser Stelle noch herauszufinden. – Ich bemerke bisher nur, das da ganz klar ein Unterschied ist.

Koloster voin Zenaruzzako
Da ist zum Beispiel das Kloster von Zenarruzako. Ein ruhiger, erhabener Ort in den Bergen. Öffnet man die Kirchentür betritt man einen noch ruhigeren, erhabeneren Raum. Ganz gleich welcher Religion man angehört, welches Glaubens man ist oder ob man überhaupt an irgendetwas glaubt. – Der mächtige Innenraum des Kirchenschiffs besitzt eine eigenartige Form von Energie, die sehr eindrucksvoll ist. Mehr möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht dazu schreiben.

Kreuzgang
Eigentlich hatten die Mönche grade Mittagspause, aber bei meinem Gang durch den Kreuzgang des Klosters begegnete ich dann doch noch einem. Er konnte sogar ein paar brocken Deutsch, schloss extra für mich den kleinen Kirchendevotionalien-Shop auf und versah meinen Pilgerausweis mit einem extra schönen Stempel. Deswegen hatte ich die ganze Strecke hinauf zum Kloster ja auch auf mich genommen. – Hatte ich das?

Baskenland
Wie dem auch sei. – Das baskische Inland weist eine geradezu übertriebene Ähnlichkeit mit dem Schwarzwald auf. Waldig und bergig (und immer mit Stromleitungen im Blickfeld), so lässt es sich eigentlich in wenigen Worten zusammenfassen. Den einzigen Unterschied machen wohl die vielen gelben Pfeile und die Eukalyptusbäume. Versehe man unseren schönen Schwarzwald vor der Haustür also noch mit einer Priese Australien und ein paar bunten Graffiti, bekommt man als Ergebnis das Baskenland. Apropos Eukalyptusbäume: (diese hatte ich ja seiner Zeit schon einmal in Portugal bewundert, weil sie einem immer so ein frisches Lüftchen um die Nase wehen) Wer hätte gedacht, dass das, was ich damals für eine andere, besonders geruchsintensive Variante des Baumes hielt (da seine Blätter eine andere Form hatten und er ein gutes Stück kleiner war) in Wirklichkeit nur der Jungspund des erwachsenen Eukalyptus ist. Wächst er ein gutes Stück über seine jugendlichen 2 Meter hinaus, so ziehen sich auch seine Blätter in die Länge. Untenrum bleibt er aber jungfräulich, wie er war.

Eukalyptusbäume
In einer kleinen Ortschaft entlang des Weges, hatte offensichtlich irgendjemand ein Zelt über die Hauptstraße gebaut. – Den Verkehr leitete man deshalb über die Wohngebiete um. In nicht allzu ferner Zeit, so mutmaßte ich, würde hier also eine kleine, große Feierei stattfinden. So suchte ich nach einem Plakat, das diese ankündigte, damit ich auch weiß, was ich verpasse, wenn ich nun weiter meines Weges radele. Irrwitzigerweise kündigte das einzige Plakat, was ich vorfand ein Fest an, das erst in gut anderthalb Wochen starten würde. Nun ja, eine zeitige Vorbereitung ist bekanntlich alles.

Bilbao
Bis zu meiner Ankunft in Bilbao machte ich mir zunehmend Gedanken darüber, wo es an diesem Tag noch für mich hingehen solle. Ein bisschen weiter wie Bilbao schon, soviel war klar. Wie weit? Gute Frage. Eigentlich wollte ich noch mindestens bis Pobena, gerne auch noch ein gutes Stück weiter. Allerdings befand sich der nächstliegendste Campingplatz erst in dem kleinen Strandörtchen Castro, was mit etwas um die 40 Kilometer Entfernung um kurz vor 7 Uhr abends eine kleine Herausforderung werden würde. Ich versuchte es dennoch. Wenn es allzu knapp werden würde, wird sich schon ein kleines Plätzchen am Strand auftun.

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Über die Fahrradschnellstraße fuhr ich also aus Bilbao heraus, diese führt durch Hügelland bis kurz vor Pobena. Superpraktisch. Trotz allem kam ich dort erst gegen halb 9 Uhr an. Es dauerte nur einen klitzekleinen Augenblick da hatte ich mich auch schon entschieden. Das Hinterland des hübschen, kleinen Surferstrandes hatte geradzu ein Banner für mich aufgestellt: „Hier kannst du heute übernachten Tobi. – Wenn du weiterfährst, bist du selbst schuld.“ – stand darauf in großen, freundlichen Lettern geschrieben.

Pobena
So suchte ich mir also einen netten Platz hinter ein paar kleinen Hügeln und einer Palme, checkte die Örtlichkeit auf Hängemattentauglichkeit und fuhr weiter Richtung Uferpromenade, wo ich mich in einem netten kleinen Restaurant mit Meerblick niederließ. Dort blieb ich bis halb 1 Uhr in meiner Gemütlichkeit sitzen und fuhr daraufhin zurück zum vorher ausgemachten Spot. Hängematte aufhängen. Gute Nacht! – So einfach kann es manchmal sein.

Pobena

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