Essen macht glücklich

23. Juli 2016

Tag 27 – Von Somo nach San Vicente de la Barquera

Aus irgendeinem Grund hatte ich heute eine leichte Wut im Bauch. Über irgendetwas schien ich mächtig unzufrieden zu sein. War es der gestrige Abend, den ich statt auf einem ausgelassenen Straßenfest (was mich im übrigen die halbe Nacht mit Pauken und Trompeten inkl. Feuerwerk wach hielt) in einer urigen Apfelweinbar verbrachte und mich regelrecht mit Patatas und gegrillten Sardinen überfraß? War es der verregnete Morgen, die verregnete Nacht, das Loch in der Luftmatratze, die Tatsache, dass ich während ich meinen Sidra trank und es anfing zu regnen, feststellen musste, dass ich wohl meine ganzen Klamotten, anstelle sie im Zelt zu verstauen, fein säuberlich auf dem Zaun ausgebreitet hatte? Oder war es der abermalige Versuch Alfreds defekten Freilauf reparieren zu lassen und der immense Spaß, den ich daran hatte in den verkehrsüberfluteten Straßen Sanstanders von Bike-Shop zu Decathlon und sonst noch wo hin zu radeln, ohne dabei auch nur ansatzweise Erfolg mit den Ersatzteilen zu haben?

Überfahrt nach Santander
Selbst die Fährüberfahrt an diesem verkappten Morgen nervte, meine Augen tränten ob der Sonne, die plötzlich schien und während ich vor dem ersten Bike-Shop aussichtslos versuchte meine Bank in Deutschland zu erreichen, um mit ihr das sich seit gestern manifestierende Geldautomaten-Problem zu diskutieren, machte sich aufdringlicherweise ein betrunkener Spielcasino-Besucher von nebenan mit meiner einer bekannt. Zudem hatte ich noch nicht einmal meine Radlerklamotten an (diese waren noch völlig durchnässt von der letzten Nacht) was meinen Allerwertesten auf völlig neue Weise mit Alfreds Sattel bekannt machte.

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Irgendwann pfiff ich auf die ganze Chose und ging im „Casa de Ines“ einen Burger für 4 Euro essen. Dieser brachte es nun endlich fertig, dass die Sonne an diesem verregneten Tag auch wieder für mich schien. Er war genau das, was ich um halb 4 Uhr nachmittags (ohne je ein Frühstück gehabt zu haben) brauchte: mindestens 3x so groß wie ein normaler Burger und mindestens 10x so lecker!

fahrende Wäscheleine
Nachdem das nun also endlich erledigt war, konnte ich mich endlich dem widmen, weswegen ich an diesem Tag überhaupt aufgestanden war: am nächsten Etappenziel, San Vincente de la Barquera, anzukommen. Den größten Teil der Strecke habe ich wohl verdrängt. Auch haben es nicht gerade sehr viele Fotos hinter meine Linse geschafft. Alfred musste während der Fahrt als Wäscheleine herhalten und meine Chucks mussten ob meiner aufgequollenen Füße (sie waren völlig durchnässt) irgendwann den Flip Flops weichen. Am Zielort angekommen herrschte ein so reger Surferverkehr (es war Samstag und verlängertes Wochenende zugleich – der heilige Jakobustag stand an), dass mir eigentlich bereits bei meiner Ankunft am völlig überfüllten Campingplatz klar war: Hier findest du heute keinen Platz mehr. Und so war es dann auch. Nicht mal einen kleinen Abstellplatz hatten sie für einen entkräfteten, wie auch entnervten Pilger übrig. Widerwillig gewährte man mir immerhin Zutritt zu den Toiletten.

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San Vicente de la Barquera
Man verwies mich auf die Herberge am anderen Ende des Ortes, die sicherlich nicht weniger überfüllt war. Jedoch spekulierte ich mal auf die Option, mein Zelt irgendwo in ihrer Nähe aufzustellen, was mir bei der Schlafplatzsuche in den überfüllten Refugios einen kleinen Vorteil verschaffen könnte.

Blick auf San Vicente de la Barquera
Die Worte „Estamos completo“ der Herbergsmutter beeindruckten mich bei meiner Ankunft nicht im geringsten. Was mich aber durchaus entzückte, war der Zeltplatz, auf den sie mich verwies, als ich meinte, ich würde eh lieber campen. Direkt an der Burgmauer hinter der Herberge mit Blick auf das Tal. Für so eine Aussicht bezahlt man normalerweise einen Hunni.

Mini-Hunde
Gegessen wurde an diesem Abend in dem kleinen Straßenrestaurant „El Recuerdo“, welches mir die Herbergsmutter wärmstens ans Herz legte. Ein bisschen rustikal kam es schon daher, auch waren die Auswahloptionen für das abendliche Menü nicht gerade von beeindruckender Varianz: So gab es als Vorspeise entweder Pasta mit Tomatensoße oder einen zweifelhaften Bergeintopf aus der Region. Als Hauptspeise gab es entweder Lomo (Fleisch, das sehr an Schinken erinnert) mit Kartoffeln oder Kroketten mit Kartoffeln. – Da mir Kroketten bisher nur als Kartoffeln in einem anderen Aggregatzustand bekannt waren und ich ungern Kartoffeln mit Kartoffeln essen wollte, bestellte ich den Lomo mit dem Bergeintopf. Als Nachtisch gab es Pudding, zum Runterspülen ne halbe Flasche Wein und zum Abschied eine Pekinesen-Party (oder sowas in der Art). Natürlich bin ich auf dem Heimweg zu meinem Zeltplatz noch in einen Hundehaufen getreten, was aber glücklicherweise den Geruch meiner Socken etwas relativierte. – Ich muss mal wieder waschen.

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