Sorge um Alfred

19. Juli 2016

Tag 23 – Von Socoa nach San Sebastian

Ich hab wohl gut daran getan, keine Wetten abzuschließen, wann ich heute Morgen aus meinem Zelt kriechen werde. Irgendwann um 9 Uhr muss es wohl gewesen sein. Ein bisschen später vielleicht. Der gute Wille, bereits gegen 6 Uhr den Reißverschluss der Zeltplane etwas zu öffnen war zwar da, scheiterte jedoch schlicht daran, dass ich den Reißverschluss nie geschlossen hatte. Denn eine etwas seltsame Wetterfront machte sich während des vergangenen Abends über dem Grenzbereich Spaniens breit und blies einem, ohne das man es merkte, einen Haufen warme Luft um die Ohren. Von Wind konnte aber keine Rede sein. Eigentlich hätte man sich den mitternächtlichen Badespaß im Meer bei dermaßen hohen Temperaturen nicht verkneifen dürfen. Es muss wohl minimal um die 30° Celsius gehabt haben (die Luft, nicht das Meer).

Der angekündigte Wind traf später dann schließlich doch noch ein. Keine Ahnung wie spät oder früh es bereits war. Auf jeden Fall war er warm und vermittelte einem ein bisschen den Eindruck, er würde einem am liebsten das Zelt wegblasen. Sprich, nun war es zwar etwas kühler, ich konnte aber trotzdem kein Auge zu tun. Als ich irgendwann doch am Einschlafen war, klingelte natürlich mein Wecker, den ich in Anbetracht der Nacht höflich ignorierte. Er fragte mich daraufhin „Are you serious?“ – Was ich gerne bejahte.

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So wurde also nichts aus dem frühen Start in den Tag und ich verließ mein Camp wie ansonsten auch gegen 11 Uhr. Unterwegs machte sich der Achter im Hinterrad, den ich bereits seit einiger Zeit dort vermutete, abermals bemerkbar. Ich machte also kurz vor Irun in der letzen französischen Ortschaft vor der Grenze Halt und begutachtete das ganze Schlamassel. Ich hatte gerade mal den Fahrradständer ausgeklappt, da legte schon der erste Wanderer des Weges eine Pause ein um mir „Hallo“ zu sagen. Wie es schien war ich nun wirklich auf dem besten Wege nach Santiago. Kurze Zeit später, ich kam allemal dazu, mein Gepäck abzuladen, gesellte sich der zweite vermeintliche Pilger zu mir und erzählte mir irgendetwas von 50 Kilo auf seinem Rücken. So richtig wollt ich ihm das nicht abnehmen, erwähnte er doch, dass er sich bereits ein paar Sachen entledigt hatte – davor hätte der Rücksack rund 125 Kilo gewogen. Zwar war sein Gepäck wirklich fast größer als er selbst, aber vielleicht hatte er sich auch nur in der Maßeinheit geirrt.

Alfred hingegen, machte es sich nicht so einfach mit dem Gewicht, mit dem ich ihn beladen hatte. Gute 35 Kilo hat er zu schleppen, wobei er selbst noch 15 Kilo drauflegt und ich das ganze mit 70 Kilo beschwere. Alles zusammen hatte nun wohl dazu geführt, dass sich seine Speichen, nach der Reparatur des ersten Achters, so langsam aus der Felge pressten und diese zum Barsten brachte. – Kein schöner Anblick. Wirklich nicht. Um den zweiten Achter raus zu drehen musste ich zusätzlich noch an den bereits malträtierten Stellen herumschrauben, um noch mehr Spannung draufzubringen.

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Als ich das alles erledigt hatte gesellte sich der dritte Kompagnon zu mir, der sein plattes Fahrrad entlang des Weges schob und eine nahezu unverwechselbare Ähnlichkeit mit Yannis Ouda hatte, mit dem er sich außerdem den Vornamen teilte. Er lud mich in sein besetztes Strandhaus ein, das ursprünglich mal der katholischen Kirche gehörte, was ihn aber nicht weiter kümmerte, denn er kannte sich (seinem eigenen Urteil nach) mit den ungemein komplizierten Gesetzen, die die Okkupation eines leerstehenden Hauses betreffen, fabelhaft aus und derartige Gerichtsverhandlungen würden sich dermaßen in die Länge ziehen, dass er eh schon längst das Weite gesucht hätte. Aus dem musikalischen Abend wurde aber leider nichts, da ich mich momentan mit ganz anderen Problemen behaftet sah, als eine eventuelle Weltrevolution mit ihm zu diskutieren. So belud ich dezent mein Fahrrad und verabschiedete mich zügig Richtung Grenze, wo ein Aufzug darauf wartete, mich auf die nächste Ebene zu hieven.

Grenzübergang
Ich muss hinzufügen, dass ich mich während meiner Reise wirklich nicht gerade mit den Schwierigkeiten komplizierter Grenzübergänge konfrontiert sah. Sie waren allesamt gerade mal auf der Karte erkennbar, weil sich dort ein großer Strich durch die Landschaft zog, der da einfach nicht wirklich etwas zu suchen hatte. Der Aufzug machte es mir nun aber nahezu unmöglich die Grenze zu überqueren. Selbst eine Ausweichstrecke war nicht ausfindig zu machen. So musste ich abermals mein Gepäck lösen, um den Alfred-Gepäck-Komplex in den eher minimalistischen Raum, den der Aufzug mir zugestand, zu zwängen. Immerhin der Grenzübergang war dieses Mal ganz klar erkennbar.

Bezüglich der sich manifestierenden Panne bei Alfred entschied ich mich zügig für eine Ferndiagnose des Radsport-Koch-Teams aus Deutschland, die sich zwar einfach (besser sofort die Felge wechseln) aber zugleich auch recht schwierig gestaltete. Mich erinnerte die Chat-Unterhaltung ein klein wenig an die Dialoge, die man in meiner Kindheit in dem Computerspiel „Monkey Island“ mit betrunkenen Piraten oder ähnlichem Gesindel geführt hatte. Deshalb führe ich sie im Folgenden genau anhand von diesem Beispiel auf und versehe sie zusätzlich noch mit der einen oder anderen künstlerischen Freiheit: (Anmerkung des Autors: Die Jungs von Radsport-Koch geben sich einen Haufen Mühe, dass ich meine Reise fortführen kann. Nur manchmal sind eben auch ihnen die Hände gebunden.)

Man stelle sich also vor, Guybrush Threepwood besäße ein Boot, um die westindischen Inseln der Karibik auf der Suche nach dem Bart des Geisterpiraten „Le Chuck“ zu bereisen. Das Problem dabei ist, dass sein Boot ein heftiges Loch in den Segeln hat und er damit allemal noch zum Fischen vor die Küste fahren kann. Guybrush begibt sich nun auf die Suche nach dem Segelschneider seines Vertrauens und trifft ihn nach langer Suche im Gefängnis der Hafenstadt „El puerto“ an. (Ob Gefängnis oder nicht ist im Prinzip unerheblich. Auch der Name der Stadt ist egal. Wichtig ist, dass der Segelschneider nicht persönlich dafür sorgen kann, das Segel zu richten.)

Guybrush Threepwood sagt also: „Hey Segelmacher! Mein Name ist Guybrush Threepwood, erinnerst du dich? Ich bin inzwischen ein mächtiger Pirat auf der Suche nach Le Chuck’s Geisterbart.“

Der Segelmacher: „Hallo.“

Guybrush: „Ich habe ein mächtiges Loch in meinem Segel. Hier schau! Ich hab es für dich aufgezeichnet. Was meinst du?“

Segelmacher: „Damit kommst du keinen Meter mehr weit. Höchstens du ruderst.“

Guybrush: „Was empfiehlst du mir?“

Segelmacher: „Du brauchst ein neues Segel.“

Guybrush: „Affenkacke! Wo bekomm ich das nur her? Vielleicht beim Segeldiscounter um die Ecke? Aber ob das für die lange Überfahrt nach „Isla de Santiago“ hält? Nicht dass es der Wind unterwegs in Stücke reist und ich manövrierunfähig auf dem Meer herumtreibe.“

Segelmacher: „Das weiß ich auch nicht.“

Guybrush: „Vielleicht sollte ich das alte Segel besser mit ein bisschen Gaffa-Tape flicken? (Wir nehmen jetzt einfach mal an, dass es das damals schon gab.)“

Segelmacher: „Kann ich dir nicht sagen.“

Guybrush: „Oder ich suche einen ordentlichen Segelmacher am Hafen.“

Segelmacher: „Das kannst du schon machen. Ich kann dir ein neues Segel aber auch von meiner Großtante nähen lassen. Die wohnt aber auf Barbados. Das dauert ne gute Woche bis du es hast.“

Guybrush: „Das ist zwar ne super Idee aber leider ist Le Chuck dann schon über alle Berge und mit ihm sein Geisterbart.“

Und so weiter… Der Punkt ist, dass bei diesen Dialogen im Computerspiel manchmal keine wirklich hilfreichen Informationen rüber sprangen und man muss die Situation dann irgendwie anders lösen. – Danke trotzdem Jens, ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen und habe mich außerdem noch köstlich amüsiert.

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Nach einer kurzen Unterhaltung im Decatlon von Irun, der nur über schwere Umwege zu erreichen war, entschloss ich mich also dazu, mein Glück bei einem Bike-Shop in San Sebastian zu versuchen. Den Umweg zum zweiten Decathlon, wo man mir das qualitativ fragwürdige Ersatzteil bereits reserviert hatte (im ersten war es nicht vorrätig), schlug ich mir sehr schnell aus dem Kopf. Die Hitze an dem heutigen Tag lies einfach nicht locker und auf eine zweite Odyssee zwischen Autobahnen und Schnellstraßen hatte ich nun wirklich keine Lust. Auch die Suche nach einer Herberge in Irun, um meinen Pilgerausweis mit einem weiteren Stempel zu versehen, hatte mich eine Menge Zeit gekostet und war zudem nicht einmal mit Erfolg gekrönt: Die erste war unauffindbar. Die zweite hatte geschlossen.

San Sebastian
San Sebastian
Die Strände in San Sebastian waren zwar von pittoresker Schönheit, allerdings schichteten sich dort Surfer, wie auch Badegäste sardinenähnlich in fast schon mehrschichtiger Qualität.

Der Bike-Shop „Antigua Bici“ lag glücklicherweise genau auf meinem Weg. Der Inhaber war zwar nur mäßig erfreut über mein Anliegen. – Er hatte die Hände voll zu tun und kaum Zeit dafür übrig, einem Pilger die Weiterreise zu ermöglichen. Dennoch lies er sich nach einigem Hin und Her dazu überreden, Alfred innerhalb von einer Stunde mit einem passenden Ersatzrad zu versehen.

Ich nutzte die Gunst der Stunde und begab mich auf die Suche nach einer Pilgerherberge um einen Stempel abzugreifen. Wie es der Zufall so wollte, befand sich diese zwar genau um die Ecke, hatte aber ebenfalls geschlossen. Vor ihrem Eingang saßen bereits 3 Pilger beim ersten Landebier und wussten nicht wirklich, wie es weitergehen sollte. Wir gerieten recht schnell ins Gespräch und Romy, Lukas und Christopher, die ich anfangs noch ein klein wenig um ihre gemeinsame Pilgerreise beneidete, waren sich sichtlich uneinig darüber, wie der weitere Verlauf des Abends aussehen würde. Christopher wollte am liebsten in der Stadt bleiben, was aber bedeuten würde ein paar Kilometer zur letzten Herberge zurückzulaufen. Romy hatte sichtlich etwas dagegen den gleichen Weg zurück zu nehmen, was ich im übrigen voll und ganz nachvollziehen kann. Ich drehe auch nicht gerne um. Dann lieber noch ein paar Kilometer weiter, um dort sein Glück zu versuchen. Lukas war, was die ganze Situation anging, relativ neutral, wollte aber auch gerne weiter des Weges ziehen. Und ich beneidete plötzlich nur noch mich selbst über meine Möglichkeit absolut unabhängige Entscheidungen zu treffen.

Ich bot den Dreien an, mit ihnen auf den Berg im Norden San Sebastians zu ziehen und ihnen mein Zelt zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam könne man einen netten Abend abseits des Weges bei ein oder zwei Flaschen Wein verbringen.

Während ich mein Fahrrad von der Reparatur, holte diskutierten die Drei das also aus. Im Ergebnis blieb Christopher in der Stadt und Romy und Lukas würden mit mir den Berg erklimmen. – So schnell können sich Pilgerwege also trennen. Bereits nach dem ersten Tag.

Pilger
Ich freute mich über die Hilfe, die Romy und Lukas mir anboten, um Alfred den Berg hochzuschieben. Das könnte ich des öfteren gut gebrauchen. Oben angekommen widersetzte sich die Landschaft leider vehement dem Wildcampen. – Alles war eingezäunt und in private Parzellen eingeteilt. Es wurde bereits dunkel, da blieb als Notlösung nur noch die Hausklingel eines Anwohners mit schönem großen Garten. Zwar hatten wir das nicht geplant, aber „Nein“ sagen wollte natürlich auch keiner, als uns Lucio zu sich in den Garten einlud, um die Nacht auf drei Liegestühlen zu verbringen (inkl. Gartendusche). Die angedachte Kochaction im Freien verlagerten wir auf seinen Wunsch inklusive der zwei Flaschen Wein in seine persönliche Gartenhütte (am ehesten zu vergleichen mit einem Partykeller). Na wenn das mal kein erfolgreicher Ausklang eines Abends ist, der vor einer verschlossenen Herberge und mit einem kaputten Fahrrad begonnen hatte…

Muchas gracias, Lucio y Clara!

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