Der Canal du Midi

13. Juli 2016

Tag 19 – Von Belfou zum Camping le Mouton Noir

Der Tag begann mit einem reichlich überteuerten Milchkaffee. Vielleicht hätte ich mich stattdessen doch lieber für ein Siegerfrühstück entscheiden sollen, dann wäre es mit den 110 km, die mir bevorstanden aber sicherlich etwas schwierig geworden.

Wettertechnisch vom Vortag kaum zu unterscheiden, führte mich der größte Teil meiner Route am Canal du Midi entlang, wo ein reger Radfahrerverkehr herrschte. Allerdings – und sicherlich aus gutem Grund – in die entgegengesetzte Richtung. Keiner, der sich nicht als Ziel den atlantischen Ozean in den Kopf gesetzt hatte, würde sich freiwillig den kompletten Tag über mit dem frischen Gegenwind auseinandersetzen wollen.

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Canal du Midi
Irgendwie hatte ich mir den Canal du Midi etwas größer und erhabener vorgestellt. Mit riesigen Transportschiffen, die Kohle und Orangensaftkonzentrat zwischen den beiden Meeren hin und her transportieren. Was ich stattdessen vorfand, war eine gemütlich Freizeitschiffahrt in Hausbooten aller Art und Größe. Die Größe… Sie wollte mir als Problemfaktor einfach nicht aus dem Kopf gehen. Kurz vor Toulouse legten mitunter die größten Hausboote am Ufer an – umgebaute Orangensaftdampfer. Jedes in seiner Form und Ausgestaltung einzigartig. Teilweise mit Blumenkübeln an der Reling, teils kurz vor dem Untergang. Das Problem bestand darin, dass ich die ganze Zeit über, entlang des Kanals keine einzige Schleuse oder Brücke gesehen hatte, die derart großen Schiffen Durchlass gewähren könnte.

Canal du Midi
Ich habe hierfür extra ein Foto von der fetten Anna, der Brücke im Hintergrund und Alfred (als Größenvergleich) gemacht. Mein Fazit: Wie auch immer diese Schiffe in diesen Teil des Kanals gelangt sind (Schwertransport, Tsunami oder in Einzelteilen), hier werden sie bleiben und sich allemal 5 km flussauf- oder abwärts bewegen können. Der Sinn hinter dem ganzen konnte sich mir zwar nicht erschließen, jedoch rechtfertigte ich das Paradoxum mit einer gewissen Art von Lebensstil, der einfach gelebt werden will. Man muss ja auch nicht Alles bis ins kleinste Detail erörtern.

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Canal du Midi
Wer Lust und Laune auf das Leben auf einem Boot hat, dem lege ich folgende Kaufempfehlung ans Herz (siehe Bild). Kein einziges Hausboot auf dem Canal du Midi vereint die Worte Haus und Boot so bildlich wie dieses. Unten ist es ein Boot (da es schwimmt). Oben ist es ein Haus (gut, wohl eher eine Baracke). Aber mit ein bisschen frischer Farbe und ein paar Blumentöpfen macht es sicherlich was her. Und mit etwas Glück passt es sogar unter den Brücken durch.

Autobahn
Was ihr hier seht, ist eine Autobahn. Sie führt durch Toulouse. – An sich nichts besonderes. Wie man auf dem nächsten Bild erkennen kann, machen sich über ihr allerdings einige Zigtausend Liter Wasser breit. So hat man sich in diesem Fall statt für eine Schleuse für eine Brücke entschieden, die den Canal du Midi über die Autobahn führt. Gut, warum auch nicht. Wollen wir einfach mal hoffen, dass die Brücke hält. – Der Rest ist Kopfkino.

Canal du Midi
An dieser Stelle noch eine Preisfrage: Welches Gewicht lastet auf der Brücke wenn ein Boot auf dem Kanal die Autobahn passiert?

Toulouse
In Toulouse war es dann mal wieder soweit. Das schlechte Wetter kündigte sich mit einer dicken Regenfront an. Doch diese Mal war ich vorbereitet. Da man eine gute Stunde braucht um Toulouse mit dem Fahrrad zu durchqueren hatte ich noch genügend Zeit auf einen Kaffee einzukehren, bis mich der Regen am Stadtrand erreichen würde. Gerade als es richtig ungemütlich zu werden schien, erspähte ich ein Café zu meiner rechten und machte Halt. Wunderbar.

Doch das Wetter lies auf sich warten, der Kaffee war schon längst getrunken und wurde bereits durch eine Cola ergänzt, da lies mir mein Zeitplan keine Wahl. – Ich musste weiter. Lustigerweise hatte die Regenfront in der Zwischenzeit einen großen Bogen um mich gemacht. Auch recht.

Hügel
Von nun an ging es in die Berge, beziehungsweise Hügel, den allerletzten Ausläufern der Pyrenen, bevor sich am Atlantik wieder das Flachland breitmacht. Ein kleiner Vorgeschmack auf den nächsten Tag.

Hügel
Gegen kurz vor 9 Uhr abends erreichte ich den Camping le Mouton Noir, wo mir Florence mit schwerem Herzen mitteilte, er sei leider restlos ausgebucht. Eine Gruppierung, nicht unähnlich dem Bumerang Verein, jedoch mit leicht politischen Hintergründen, hätte sich für die nächsten 4 Tage den kompletten Campingplatz reserviert. Da blieb mir nur übrig, das Standard-Hundegesicht eines erschöpften Fahrradfahrers aufzusetzen, was mir mit Erfolg wieder mal ein exquisites, kleines Plätzchen direkt neben Pool und Hängematte bescherte.

Ich hatte völlig vergessen, dass es sich bei dieser Übernachtungsmöglichkeit nicht um einen Standard-Campingplatz handelte, sondern vielmehr um einen „Camping à la ferme“. Sowas schlägt sich zwar wunderbar im Preisniveau nieder, jedoch ist es etwas schwierig an kühle Getränke zu kommen. Nichts desto trotz, staubte ich noch 2 Bier aus dem Kühlschrank von Florence ab – von einer kleinen Brauerei aus der Region. Es waren die besten Biere, die ich in Frankreich je getrunken hab. Schön hopfig, fast schon wie ein IPA. Das zweite hieß übersetzt: „Der Exkommunizierte“, was mir im Hinblick auf den Jakobsweg ein kleines Grinsen auf die Backen zauberte. Florence konnte sich den passenden Kommentar auch nicht verkneifen. So gesellte ich mich am Ende des Abends noch ein klein wenig zu der Gruppe von Freizeitpolitikern, versuchte zu verstehen, was so im Allgemeinen ihr Anliegen war, scheiterte kläglich und hatte trotzdem meinen Spaß.

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