Der letzte Paradiesvogel

21. August 2016

Von Benicassim nach Valencia

Das Erwachen nach der letzten Festivalnacht hatte ohne zu übertreiben etwas surreales an sich. Domme klopfte wie wie wild an mein Zelt, um seine Abreise anzukündigen und als sich meine Ohren langsam aus dem Schlaf bequemten, gesellte sich zu dem Klopfen, außer dem regen Abbaubetrieb, der um mich herum herrschte, eine quäkende, dissonante „Musik“, die mit dem lieblichen Reggae der vergangenen Tage absolut nichts mehr zu tun hatte. Es grenzte nahezu an einer unaussprechlichen Musikfolter, in deren Genuss sonst wohl nur die nicht gerade beneidenswerten Häftlinge aus Guantanamo kommen. Man hatte die recht zweckmäßige Zeltplatzbeschallung angeschmissen, um mit den Gipsy Kings und wagemutigen Techno-Klängen aus veralteten Druckkammerlautsprechern selbst die noch so hartgesottensten Festivalbesucher zur Abreise zu bewegen. Ich kam mit all dem absolut nicht zurecht. Ein kaltes Bier war ebenso wenig in Reichweite. Also streckte ich meine Glieder, im Rhythmus der Kakaphonie nach und nach in die Richtung meiner einzelnen Ausrüstungsgegenstände, um es allen anderen um mich herum gleich zu tun. Bevor ich jedoch ans Packen dachte, breitete ich den ganzen Krimskrams erst einmal sauber, in einer großen Pfütze des Wahnsinns vor mir aus.

campingplatz nach festival
Irgendwann hatte sich auch der letzte Jochen von mir verabschiedet und ich stand alleine vor jenem Teil meiner Habseligkeiten, der das Festival, ebenso wie ich, ganz knapp überlebt hatte. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich für die Geier, die langsam um mich zu kreisen begannen, nun eine leichte Beute darstellte. Die Geier, das waren jene üblichen Campingplatzgäste, die kurz nach Ende des Festivals zu gierigen Pfandsammlern wurden. Da es in Spanien jedoch kein wirkliches Pfandsystem gibt, waren diese nun im Begriff, sich alles zu krallen, was nicht bereits niet und nagelfest in Gepäcktaschen verstaut war. Was mich betraf, war das im Grunde genommen alles. Ich musste mich regelrecht zur Wehr setzen und habe fast einen heftigen Streit riskiert, sonst hätte ich nach dem diesjährigen Rototom weitaus mehr eingebüßt als nur meine Kamera, eine Hämorrhoidencreme und einen hübschen Rucksack. Und das war bereits mehr als genug.

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Alfred zur Abfahrt bereit
Als nun endlich alles verstaut und Alfred zur Abfahrt bereit war, gönnte ich mir nach einem kurzen, hoffnungslosen, letzten Besuch im Lost-and-Found-Büro ein schnelles Abreisebier aus dem Automaten und machte mich gen Strand auf, wo ich, wie immer nach dem Festival, ein reges Treiben der Vertriebenen vorfand. Ich legte mich mit meiner einen Körperhälfte auf Alfred, mit der anderen auf eine Bank und mit dem, was von mir nun noch übrig blieb auf meine Umhängetasche. So war alles irgendwie gesichert und ich konnte mein lang ersehntes Nickerchen halten. Als ich wieder aufwachte, hatte ich eine Erkältung.

Nach der ganzen Feierei wunderte mich das wenig. Viel mehr verwunderte mich, dass die Erkältung netterweise so lange gewartet hat, bis das Festival vorüber war, ehe sie sich mal zu Wort meldete. Nun ja, mein eiserner Fahrradfahrerwille, der in Benicassim einem eisernen Feierwillen Platz machte, hielt sie wohl in Zaum. Dieser schien nun jedoch gebrochen zu sein. Ich war absolut am Arsch. – Besser kann ich es hier nicht ausdrücken. In Deutschland hätte ich mich erst einmal eine Woche ins Bett gelegt und mir staffelweise Fernsehserien reingezogen. Und ich hätte es verdammt nochmal genossen. (Hatschi!)

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Harmony Beach
Hier in Benicassim gab es kein Bett, in dem ich mich hätte verkriechen können. Und es gab auch keinen Fernseher. Es gab nicht einmal etwas Ruhe. – Am Strand herrschte wie bereits gesagt ein aufgeregtes Treiben unter dem verbliebenen Partyvolk, was in stetiger Abwechslung sein Gleichgewicht, eine Mitfahrgelegenheit oder einfach nur eine Party suchte und ansonsten eigentlich zu nichts im Stande war. Definitiv kein Ort, an dem ich für den restlichen Tag und die Nacht länger bleiben würde, als unbedingt nötig. Vor allem in Anbetracht der bevorstehenden nächtlichen Räumungsaktion der lokalen Polizeibehörde, die sich jedes Jahr immer neue Späße einfallen lässt, um die Leute irgendwie vom Strand zu kriegen. Mit Musik hatten sie es sicherlich noch nicht probiert. Dennoch, am nächsten Tag glich der Strand einem Tatort, der der Schauplatz eines üblen Massakers hätte sein können, soviel Absperrband hatte man zwischen all den Bäumen aufgespannt.

Tatort Festival
Mich interessierte das alles recht wenig. Nachdem ich bereits 2012 am Strand von Benicassim ein paar schlaflose Nächte verbrachte, in denen mich außer der Polizei vor allem die Sprinkleranlagen wachhielten, sah ich dieses Jahr gerne von diesem Szenario ab. Ich hatte mich bereits vor dem Festival gründlich nach einem netten Plätzchen in der Nähe umgeschaut und einen wilden Küstenstreifen im Norden der Stadt ausgemacht. Zwar diente er auch als Naherholungsgebiet für die örtliche Bevölkerung, aber gegen später am Abend würden sich sicherlich die meisten Tagesgäste verabschiedet haben.

Küstenstreifen nördlich von Benicassim
Ich suchte mir also eine nettes Plätzchen an der Felsküste und lies mich nieder, packte meinen Kocher zwecks eines leckeren Ingwertees aus und las gerade ein weiteres Kapitel in meinem Buch als sich ein Paradiesvogel neben mich gesellte. Dieser ganz spezielle Paradiesvogel der Gattung „Exhibensis Transsexuensis“, heimisch in den dichten Pinienwäldern der örtlichen Flora, macht sich vor allem durch sein ausladendes Beinkleid bemerkbar. Normalerweise gibt er sich recht scheu. Hat er aber mal einen potenziellen Partner ausgemacht, lässt er sich in sicherer Entfernung von etwa 50 m nieder und rückt mit seinem paralysierenden Blick nicht mehr von einem ab. Meistens bleibt einem nichts anderes als die Flucht. Wahlweise könnte man sich auch in eine Steinstatue verwandeln, aber davon ist eher abzuraten.

So langsam hatte ich echt genug. Am Strand konnte ich nicht bleiben, hier war ich den stieren Blicken eines Exhibitionisten ausgesetzt. Ich fluchte. Ich fluchte über diesen blöden Trottel, über den frisch aufgebrühten Tee, das abgeladene Gepäck, einfach über alles. Es blieb mir keine Wahl. Ich trank den Tee auf Ex, verstaute alles wieder ordentlich in meinen Taschen, belud das Fahrrad und hielt schon mal meinen Wanderstock bereit, um diesen komischen Vogel auf Distanz zu halten, sollte er mir doch zu nahe kommen. Dann fuhr ich missmutig auf den Campingplatz, zahlte eine Unsumme an Campinggebühr für die zwei Tage, während denen ich mich auszuruhen hoffte und fuhr schlussendlich 2 Tage später, nachdem mich eine spanische Großfamilie eine halbe Nacht lang wachgehalten hatte, unausgeruht, leicht entnervt und immer noch erkältet 90 km nach Valencia, wo ich auf die lang ersehnt Erholung hoffte. Ich sagte mir, entweder du kommst in Valencia an und bist am nächsten Tag nun völlig am Arsch oder du radelst dir die Erkältung einfach weg. Es war mir gleich, nur weg aus dieser Stadt, aus diesem Nicht-Ort eines vergangenen Festivals. In Valencia erwartete mich immerhin aufgrund der netten Einladung von Tine eine geruhsame Bleibe nicht unweit des Zentrums. So oder so, ich werde mich etwas ausruhen können, aber ich müsse die 90 km schon hinter mich bringen und dafür nahm ich mir nun einfach etwas mehr Zeit als sonst.

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